Der Zwiespalt zwischen Alleinsein und Einsamkeit lässt Lenz immer tiefer in die Verwirrung gleiten, aus der er nur einen Ausweg kennt.

Spoiler

Prolog:

Die Suche nach einem Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit ist allbekannt, ihre Beantwortung fällt nicht leicht.

Alleinsein betrifft das Äußere, das außenherum. Alleinsein ist notwendig, um Gedichte zu schreiben, Erzählungen, Romane. Opern zu komponieren. Gemälde zu gestaltet. Alleinsein bereichert die Welt.

Einsamkeit wächst innen.

Sie verengt, zieht alles Dasein auf einen Punkt, auf das eigene ICH. Verbannt in Dunkelheit und Finsternis, in Seelischen Autismus. Einsame gelten als verloren.

So auch Lenz.

*

Frühlingswinde rüttelten an den Bäumen, weckten sie aus ihrem Winterschlaf. Schneereste schmolzen, wärmende Sonnenstrahlen halfen dabei. Wiesen und Äcker atmeten befreit auf. Am Bach brachen die Eisränder, wurden vom strudelnden Wasser davongetragen. In den Lüften begann es zu singen. Meisen und Spatzen übten zaghaft ihre lang verstummten Stimmen. Noch gehörte ihnen die Luft allein. Schwalben, Mauersegler waren noch fern, wie Kuckuck, Gartenrotschwanz oder Rotkelchen.

Auf den Straßen tanzten die Kinder, ließen bunte Bälle springen. Kreise wurden auf den Asphalt gemalt, es wurde gehüpft, zuerst mit einem Bein, danach mit beiden Füßen von Feld zu Feld. Gehopst, nannten sie es. Auch Seilspringen war angesagt. Die von Tag zu Tag höhersteigende Sonne weckte neue Lebensfreude.

Allein Lenz nahm das alles nicht wahr. Ihm ging es schlecht. Wer ihn als Jüngling gekannt, erinnerte sich seiner blaustrahlenden Augen. Leicht hätte man ihn für einen Albino gehalten, doch sein kastanienbraunes Haar machte diese Vermutung schnell zunichte. Was ihn von anderen Männern unterschied, wusste keiner zu benennen. Seine Arme waren im Gleichmaß gewachsen, die Hände zart gegliedert. Das linke Bein zog er leicht nach, was kaum einer bemerkte. Schmalbrüstig war er, manchmal auch dünnhäutig. Ein normaler Mann also?

Einzig sein Name bot Anlass zur Verballhornung. Getauft war er auf den Namen Lenz, doch alle, die ihm nahestanden, nannten ihn Frühling. Wer diese Abwandlung zuerst erdacht, wusste bald keiner mehr. Kaum einer sprach ihn noch mit seinem richtigen Namen an, der im Pass amtlich vermerkt stand, beglaubigt mit Stempel und Unterschrift.

Lenz störte es nicht, als Herr Frühling angeredet zu werden, hielt den angedichteten Namen für eine Metapher, die ihm keineswegs abwegig erschien. Eher treffend gewählt. Bezeichnete man nicht die Zeit nach der Schneeschmelze als erfrischende Gottesgabe, als Befreiung von einer Last, einer Zeit des Aufblühens, der Glorie des Aufbruchs. Warum sollte das nicht auf ihn zutreffen? Der Klang eines verfälschten Namens kann doch keinen in die Irre leiten, keinen wie Lenz, dachten alle, die ihn gut zu kennen glaubten. Was aber, wenn Unwägbarkeiten menschlicher Gefühle sich einmischen? Rationales an Irrealität scheitert?

Erst sehr viel später, nachdem geschehen war, was keiner zu erklären wusste, wurde die Frage laut, ob sie diesen Lenz, alias Frühling, wirklich gekannt hatten. Zeiten der Hexerei, des Beelzebub, in der Menschen aus der Bahn geworfen wurden, waren lange vorbei. Den Grund für sein plötzliches Ausufern wusste keiner zu erklären. Einer wie Lenz, so die einhellige Meinung, sei nicht so leicht umzuwerfen, schon gar nicht von einer scherzhaften Verdrehung seines Namens. Das Wort Frühling drücke doch Positives aus. Aufbauendes. Heiterklingendes. Das könne doch keinem schaden. Doch nach allem, was geschehen war, verwendeten sie nur noch seinem richtigen Namen, als würden sich ihre Lippen sträuben, zwei Silben zu formen, wenn eine genügt. Vergessen war die Zeit, in der sie ihn als friedlichen, liebreizenden Menschen gesehen hatten. Was Lenz getan, passte nicht zu seinem Wesen. Wieso er es tat? Weshalb? Warum? Keiner verstand sein Tun. Alle schüttelten ihre Köpfe. Erklärungsversuche wurden gestartet.  

Ein Verdacht verhakte sich.

Könnte es sein, dieser Lenz habe einen Doppelgänger, tief in sich selbst. Nach außen sei er ein echter Frühling gewesen, das mochte jeder bestätigen. Doch tief in seinem Inneren müsse ein anderer leben. Allegorische Bilder wurden von den Launen eines Frühlings gemalt: Herrlicher Sonnenschein, plötzlich dunkle Wolken. Laue Lüfte, nächtlicher Frost. Aus Windstille erwächst orkanartiger Sturm. Sanfter Frühlingsregen mutiert zur Sintflut. Viel Gegensätzliches wurden aufgezählt. Ob Frühling die richtige Bezeichnung für Lenz gewesen sei, wurde plötzlich bezweifelt. Wetterwendig sei er manchmal gewesen, dieser verirrte Namenspatron. Wenn es allein der menschlichen Fantasie gelingt durch die Verbalhornung eines Namens jemand in die Irre zu leiten, wie viel mehr Verwirrung entsteht, wenn Gefühle hinzukommen.    

Was Lenz getan, passte keineswegs zu seinem Wesen. Triste Gedanken zogen durch die Köpfe derer, die ihm nahestanden. In ihren Hirnen grummelte die Frage nach einem Doppelgänger. Einem inneren Zwilling. Konnte es das geben? War es möglich, dass tief in einem Körper ein anderer lebt? Das Sprichwort von den zwei Herzen, die in einer Brust schlagen, war schnell zitiert. Jeder wusste Geschichten zu erzählen.

Was aber war mit Lenz geschehen? An einem von Blitzen und Donnerschlägen erfüllten Tag sei Lenz durch die Stadt gelaufen, habe dabei laut geschrien.

Nein! habe er geschrien. Ihr verkennt mich! Keiner kennt mich wie ich wirklich bin! Hier bin ich! Hier! soll er getobt haben. Immer wieder habe er geschrien: Hier bin ich! Hier!

Zeiten der Pubertät hätte man solches Verhalten zurechnen können, das wusste jeder. In der Zeit der Reife waren Radikalität oder Wildheit nichts Außergewöhnliches. Bei Lenz lag diese Zeit aber weit zurück. Die Frage, ob er steckengeblieben sei in seiner Entwicklung, suchte nach Klärung. Durfte es so etwas geben? Menschen geben oft Rätsel auf. Auch sich selbst. Stand nicht einmal in der Zeitung, ein erwachsener Mann sei am späten Abend mitten in der Fernsehsendung aufgestanden, habe seiner Frau zugeraunt, er gehe schnell zum Automaten, wolle Zigaretten holen, sei aber nicht mehr zurückgekehrt, nicht in der gleichen Nacht und auch nicht an einem der folgenden Tage. Keiner wollte das glauben. Ungläubiges Kopfschütteln nur. Welche Sendung er wohl gesehen habe, wurde gerätselt. Ob diese modernen Bildmaschinen die Macht besäßen, Menschen aus der Bahn zu werfen, wurde gefragt.

War das bei Lenz ebenso? Weil man ihn aus Jux und Tollerei Frühling genannt hatte konnte doch kein Anlass sein, plötzlich laut schreiend durch die Straßen der Stadt zu rennen und Nein zu schreien. Nein! Hier bin ich! Immer wieder habe er diese Worte geschrien, immer wieder: Hier bin ich! Hier! Andere sagen sogar, sein Hemd sei blutverschmiert gewesen, die Klinge eines Stiletts, welches er wie zur Abwehr eines Angreifers nach vorn gerichtet trug, habe rot gefunkelt.

Wollte er jemanden töten? Wen? Einen Fremden? Sich selbst? Den Frühling? Oder den Lenz? Der Rätselberg wuchs, wurde höher und höher.

… ENDE DER LESEPROBE

BoD-Verlag 2025, Norderstedt

ISBN-13: 978-3-695101-72-6