In diesem Roman begegnen sich zwei Kulturen/Religionen: Die islamisch-orientalische und die christlich-europäische.
über den arabischen Ländern brütet die Sonne. Hunger und Durst machen das Leben der Menschen unerträglich. Auf großen und kleinen Schiffen drängen sie deshalb über das Meer, um in den Ländern Europas, wo noch Regen fällt und Korn wächst, ein neues Leben zu suchen. Sie wissen, dass sie nicht willkommen sind.
So auch Abu Muhammad Asad, der mit seinen beiden Frauen Nezha und Nuriah und den Kindern Kerimeh, Ali, Omer und Hassan an Bord der SAHABI die Überfahrt wagt. Sein Glaube an Allah und ein geheimnisvoller Stein sind seine einzigen Schätze.
Mit an Bord ist auch der Märchenerzähler Abdallah, der während der überfahrt das Märchen von der „Grünen Rose” erzählt.
Roman
1. Auflage 1993 Verlag freier Autoren, Fulda (vergriffen)
2. Auflage 2007 BoD Verlag
Aber Gott liebt die nicht,
die Unheil anrichten.
Sure 5,64
Die Abfahrt
Mühsam und träge schob der Nil seine Wasser dem Mittelmeer zu. Es war die Stunde, in der das grelle, blendende Licht einer wie wild brütenden Sonne zu brechen begann, die Schatten weicher, dafür aber umso länger wurden, die Farben aus dem milchigen Brei der flimmernden Hitze des Tages in die Pracht der irisierenden Töne des Abendrots glitten und das Geschrei der schwirrenden Möwen zu verklingen begann. Ihr behäbiger Flug, vor kurzem noch ein wildes Herabschießen aus der Höhe auf das blinkende Wasser, Fressbares erheischend, streitend mit allem, was in die Nähe kam, um wieder empor zu jagen mit eckigem Flügelschlag, Streitgeschrei selbst mit gefülltem Schnabel – ihr Flug wurde nun zu einem ruhigen Gleiten, Versöhnung suchend für die Rachsucht des Tages. Die sich rot färbende Sonne stand schon tief und neigte ihre Bahn dem Wasser entgegen, als wolle sie ihre sengende Hitze in den Fluten des Meeres ersäufen.
Abu Muhammad Asad hielt sich mit beiden Händen an der Reling des Schiffes fest und ließ seinen Blick über die für ihn so fremde Welt gleiten. Seine Finger umkrampften das rostige Eisen so stark, dass Sehnen und Adern wie dicke Schnüre aus seinen Händen hervor traten. Wasser war in seinem bisherigen Leben immer ein rares Kleinod gewesen, hier schwappte es im Übermaß gegen die Wand des Schiffes, auf dem er bebenden Herzens stand. Das Wasser stank. Das Schiff schwankte. Abu mit ihm. Was für eine Welt!
Ganz fern, ganz oben in der Höhe, dort wo Mohammed – Frieden und Segen Allahs seien auf ihm � das Asr betet: Gepriesen sei mein Herr, der Größte – nur er würde wissen, ob es rechtens sei, was sie alle, Tausende, Abertausende, auf Weisung des großen Imam, zu tun bereit waren. Abu besaß kein Wissen. Er glaubte. Weil glauben aber wie laufen auf weichem Sand ist, suchte Abu nach Halt. Nach außen war es die rostige Reling, die ihm Halt bot, nach innen sein aus der Kindheit erwachsener Glaube. La ilaha illa‘ Allah, Muhammadur rasulullah.
Nach außen mag es ein Trost sein, zu wissen, dass so viele die gleiche Entscheidung getroffen haben, den selben Weg zu gehen bereit sind, in Allahs Namen, in eine ferne, fremde Welt, die Europa heißt, wo es Arbeit geben soll und Brot und grüne Bäume, so weit das Auge reicht. Der Imam hat es erzählt. Er sprach auch von Trauben und Datteln und anderen Früchten, deren Namen Abu noch nie gehört hatte und sich nicht merken konnte. Ein Paradiesgarten, wie er früher auch einmal entlang des Nils gewesen sein soll – uralte Geschichten, denen Abu gelauscht, als er noch Kind war. Großvater konnte spannend erzählen. Hätten die Ziegen nicht immer lauthals geschrieen, Pflichten anmahnend, Abu erinnerte sich gern an diese Zeit, er wäre, damals als Kind, zu Füßen seines fast erblindeten Großvaters sitzen geblieben, um den alten Geschichten zu lauschen. Wie schön waren die Stunden, in denen er, statt Ziegen hüten, den alten blinden Mann führen durfte; die gemeinsamen Wege durch die Wüste, bei denen Großvater aus seiner Kindheit erzählte … und Abu hatte sich oft gefragt, ob die Zeiten, Großvaters Zeiten, damals, trotz Hunger und Not, lebenswerter gewesen waren, als die jetzigen Zeiten der Suche nach neuen Wegen. Wäre es nicht besser, es der Schnecke gleichzutun, die in ihr Haus kriecht und den Eingang mit Schleimspeichel schließt; so wie die Schnecken am trostlosen Ort verharren, im blinden Vertrauen auf die Überlebenskraft, als einen Weg ins Unbekannte zu wagen? Was, wenn am Ende des Weges auch nur das Schneckenhaus bliebe?
Abu strich mit den knochigen Fingern über die faltige Stirn, als wolle er seine unsteten Gedanken verwischen. Das Zittern der Hände merkte nur er, aber es beunruhigte ihn. Nagte jetzt schon an ihm das Krokodil namens Heimweh? Konnte es überhaupt Heimweh geben nach glühendem Sand, ausgetrocknetem Flussbett, nach Hunger und Durst? Abu ordnete sein Kopftuch, drückte die Falten fest, es sah aus, als mühe er sich, alle ihn bedrängenden Gedanken dahinter zu verstecken.
Segne, o Allah, Mohammed und das Volk Mohammeds, so, wie Du Abraham und das Volk Abrahams gesegnet hast, Du bist in der Tat preiswürdig, heilig. Lass gedeihen und stärke, o Allah, Mohammed und das Volk Mohammeds, so, wie Du Abraham und das Volk Abrahams hast gedeihen lassen.
Abu hob seine knochige Hand wie ein Schutzschild über seine Augen und blickte in die Richtung, in der die Sonne bald ins Wasser eintauchen würde. Er war unsicher, ob dort hinten noch immer der Nil oder schon der Beginn des gefährlichen Meeres war, welches sie das Mediterrane nannten. Was für eine fremde Welt, dachte er und war sich bewusst, dass die eigentliche Reise noch nicht einmal begonnen hatte. Vom Blick in die tief stehende Sonne zitterten seine Augenlider, und seine Augäpfel brannten, als fürchte er, die glühende Sonne könne das Wasser zum Sieden bringen, sobald sie es, am fernen Horizont, berühren werde. Die heißen Winde der Wüste wusste er einzuschätzen, wie das Gefühl glühenden Sandes unter den Füßen. Die Glut, die bis ins eigene Blut drang und Begierden lockte. Auch die Kälte der Nacht. Ein Leben aus den Gefühlen heraus hatte er geführt, was würde jetzt kommen?
Abu war kein gebildeter Mann. Großvater war sein bester und einziger Lehrer gewesen. Viele Alltäglichkeiten. Aber auch Unermessliches, für ein Kind.
Immer wieder erinnerte sich Abu an ein Gespräch, er war wohl erst sechs oder sieben Jahre alt, als der fast blinde Großvater ihn gefragt, wann ein Mensch wohl weiter sehen könne, am Tag oder in der Nacht. – Natürlich am Tag!, war die schnelle kindliche Antwort, auch wenn die Luft flimmert, kann ich am Horizont ziehende Karawanen erkennen.
Großvater hatte sanft nur gelächelt, es war kein Auslachen, nein, das kannte Großvater nicht. – Nichts ist weiter entfernt von uns, als die Sterne … und die kannst du nur in der Nacht sehen! – Solche Großväter umfassen die ganze Welt. Sind eine Welt. Was würde Großvater sagen zu dieser Fahrt? Ein Traumbild wäre Abu willkommen, in dem Großvater Zeichen gibt. Aber es kam nicht.
Gewaltsam riss Abu seinen Blick vom Horizont und richtete ihn auf die Vielzahl der Schiffe, die in der Bucht oder weit draußen im dümpelnden Wasser vor Anker lagen. So weit seine Augen reichten, lagen die Schuten aneinander gebunden, er hörte ihr Ächzen im lauwarmen Wind. Drüben, in Rosette und Damiette, so hatte man ihm vorhin erzählt, sollen größere Schiffe liegen, alle randvoll mit klopfenden bangenden Herzen.
Abu hätte mit seinen beiden Frauen Nezha und Nuriah und den vier Kindern auch den Weg über die türkischen Berge nehmen können, um in die Länder zu kommen, in denen noch Regen fiel und Nahrung wuchs. In Arabien glühte die Sonne, und die Wüste wuchs Jahr für Jahr. Der Himmel solle ein Loch haben, sagten die Gelehrten in der Moschee. Der Imam hatte ihnen den Weg gewiesen in die Länder, in denen Weizen wuchs und Korn, Trauben, Datteln und andere Früchte, deren Namen Abu schon wieder vergessen hatte.
‚Geht in diese Länder, ohne Schwert in der Hand, aber mit Allah im Herzen, denn so sagt Allah im Koran: Darum gedenket Mein, Ich will euer gedenken; und danket Mir und seid nicht undankbar gegen Mich. O die ihr glaubt, sucht Hilfe in Geduld und Gebet; Allah ist mit den Standhaften.‘
Abu hatte sich für den Schiffsweg entschieden, denn zwei seiner Kinder waren von zartem Wuchs, und seine Erstfrau Nezha trug einen schweren Leib. Die Planken des Schiffs hatte er mit zagendem Schritt betreten, der Sand der Wüste schien ihm ein viel sicherer Halt für die Füße eines Mannes. Aber ihm blieb nichts anderes, sollten sie nicht verhungern. Nun wollte er die ganze Nacht hindurch zu Allah beten. Nur mit seiner Hilfe würde es den kleinen und überfüllten Schiffen gelingen, das Meer zu überqueren, um drüben, wohin sie der Wind auch immer treiben würde, Griechenland, Italien oder Frankreich oder gar Spanien, um irgendwo den Erdteil Europa betreten zu können – wie einst das Volk Abrahams das gelobte Land hinter dem Roten Meer betreten hatte. Von der Ostseite des Adriatischen Meeres, (die fremden Namen hatten etwas Verwirrendes für Abu), erzählten die Leute, dort habe Mohammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, schon Fußstapfen in den Fels gesetzt. Aber auch in anderen Ländern Europas, in denen Schnee auf den Dächern der Häuser liege und das Wasser manchmal gefriere, dass selbst schwere Männer darauf laufen könnten, so hatte Abu gehört, selbst dort lebten schon viele rechtgläubige Menschen.
An Land gehen und vor einer Moschee stehen, davon träumte Abu in seinen kühnsten Träumen. Er sehnte, nach langer Fahrt übers Meer, nicht Land und grüne Bäume herbei; er würde, so weit konnte er sich vorausträumen, er würde nach den Minaretts Ausschau halten, um dem Azan des Muezzins zu lauschen.
„Alles Glück kann man nicht haben“, murmelte Abu leise vor sich hin, dass die anderen glauben mochten, er erfülle immer noch sein Asr, sein Nachmittagsgebet. „Alles Glück kann man nicht haben.“
Mit Allahs Hilfe und Segen das Meer überwinden, den Stürmen trotzen, den Haifischen entgehen und den Ungläubigen nicht schutzlos in die Hände zu fallen – einen Glückseligen würde er sich nennen, wäre es endlich soweit. Sein größter Feind auf dieser beschwerlichen Reise, wer würde es sein? Das Wasser? Die sengende Sonne? Ein wütender Sturm? Oder die Menschen, die mit ihm im gleichen Boot? Gläubige, wie er, aber doch nur Menschen.
Oder werden es die sein, in deren Land der Kiel des Schiffes eine Furche ziehen wird, um, gestrandet, nicht mehr auslaufen und damit nicht zur Rückfahrt gezwungen werden zu können?
*
Auf dem vorderen Deck der SAHABI, (was dem Namen nach GEFÄHRTE DES PROPHETEN heißt), hockten gebeugte Gestalten, eingehüllt in weite Tücher und lauschten Abdallah, dem Märchenerzähler.
„In unserem Garten blüht eine grüne Rose!“
Nie hatte eine Stimme zarter geklungen, nie hatten schönere Laute die Ohren der Menschen berührt, als jetzt, in der Stunde des aufsteigenden Mondes, in der der Märchenerzähler Abdallah ‚Die wundersame Geschichte der Grünen Rose‘ in die Stille der einbrechenden Nacht zu erzählen begann. …
„In unserem Garten blüht eine grüne Rose!“ Prinzessin Gülilah rief es voller Freude laut in die Strahlen der Abendsonne und lief zu dem Haus, vor dem ihr Vater mit träumendem Auge am offenen Fenster saß und mit verhangenem Blick in die sinkenden Schatten sah. Sehnsucht und Trauer senkten sein Haupt.
„Vater, mein König – in unserem Garten blüht eine grüne Rose!“
Die lang fallenden Schatten wiesen wie Finger den Weg zu der heiligsten Stadt aller Städte, nach Mekka, wo Gott es gefallen, seinem Propheten Mohammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, seine Gnade und Barmherzigkeit zu erweisen. König Fad Ihn Maradah musste sich große Mühe geben, seinen Blick aus der Richtung der Schatten zu lösen. Mekka lag weit. Alles hatte er verloren. Geblieben war ihm allein seine liebreiche Tochter Gülilah, sein letzter Schatz. Und sein Töchterlein brach erneut das bedrückende Schweigen: „Mein Vater, mein König …“
„Du weißt es, mein Kind, du weißt es, ich bin nicht mehr König.“ Diese Worte fielen dem alten Mann sichtlich schwer. Ihm war, als hingen sie, nachdem er sie ausgesprochen, wie Felsgestein an seinem Hals und zögen ihn immer weiter hinab in eine Tiefe, die ihn mit Furcht erfüllte. Endlos schien diese Schlucht, voller Risse und tiefster Dunkelheit. Als aber jetzt seine Tochter, umhüllt von wehenden Schleiern, die der Wind aufhob und leicht und fröhlich tanzen ließ, aus dem Garten herüber in seine Arme geflogen kam, stahl sich ein Lächeln aus seinem Herzen hervor, ohne dass er gewusst hätte, es wäre noch eines drin.
„Eine grüne Rose, mein Vater! Wir sind schon im Paradies!“
„Allah ist groß. Er ist der Größte.In seiner Macht steht es allein, uns mit Glück zu beschenken oder uns zu verderben.“
Es fiel dem König, der einst ein großes mächtiges Reich besessen, nicht leicht, solche Worte auszusprechen, zumal in die zarten Ohren der einzigen Tochter, die ihm geblieben, als einziger Trost. Wie groß hatte früher sein Glück gestrahlt. Die Sonne war aufgegangen in seinem Reich, und sie war auch untergegangen in seinem Reich. Der Mond wechselte über ihm seine Kleider und badete sich in den Quellen und Bächen, deren sprudelndes Rauschen wie herrliches Singen die Lüfte erfüllte. Die Keller waren voll guter Früchte. Datteln reiften an den Bäumen, dass die Äste zur Zeit der Reife gestützt werden mussten. Die Schläuche waren gefüllt mit köstlichem Wein. Sein Thron war ausgeschlagen mit rotem Samt und glitzernder Seide. Von dort regierte er Land und Leute als ein strenger, aber gerechter Herr und König. In seinen Gemächern warteten vier Frauen auf ihn, Schönheit und Güte im Wechselspiel. Am nächsten waren ihm seine Söhne und Töchter. Er zählte sie jeden Tag neu; dazu seine Perlen, Smaragde, Saphire.
Während der Alte noch immer mit wehmütiger Sehnsucht vergangener Zeiten gedachte, und Gülilah, seine liebreizende Tochter, an seinem Hals hing und versuchte, ihn aufzuheitern, flog ein Vogel, so groß wie ein Adler, über das Haus und warf seinen Schatten auf Heiterkeit und Verdruss gleichermaßen. Gülilah sah den Vogel zuerst. Sie war entzückt von den herrlichen weißen Federn und der purpurroten Farbe des gebogenen Schnabels und den langen, kraftvollen Beinen, die in ihrer Farbe dem Schnabel glichen.
„Sieh dort!“, rief sie dem Vater ins Ohr, doch der König, da er den Vogel erkannte, antwortete leis nur: „Er ist wieder da.“
Der Vogel drehte einen letzten Kreis über dem Garten und setzte sich in die Krone des Baumes, der ganz in der Nähe des Rosenbeets stand. „Ist er es wieder?“ Die Stimme der Prinzessin zitterte zart wie ein Glöckchen, das auf den Wogen des Abendwinds reitet.
„Er ist es. – Ja, mein Kind, er ist es.“
„Trägt er die Schuld?“
„Allah allein weiß es.“
Der Vogel schlug seine mächtigen Flügel, ohne vom Baum aufzufliegen. Der Wind, den er entfachte, streifte die Wangen des Königs und trug geflüsterte Worte herbei: „Ich trag keine Schuld!“
Abdallah verschränkte seine Arme vor der Brust und senkte den Kopf. Er schwieg, und mit ihm schwiegen alle, die um ihn versammelt saßen. Nur die Worte Ich trag keine Schuld hingen über den gebeugten Köpfen und lockten Gedanken hervor. Ohne Schuld leben, wer wünschte das nicht?
ENDE DER LESEPROBE
Roman
1. Auflage: 1994 Verlag freier Autoren, Fulda
2. Auflage: 2007 BoD-Verlag
ISBN 978-3-8334-9590-8