perlenFranz Krause, pensionierter Finanzbeamter, hat einen Roman geschrieben und sucht einen Verleger. Weil ihm normale Zusendungen keinen Erfolg bringen, versucht er es in seiner Verzweiflung auf unnormalen Wegen, doch erst die unfreiwillige Bekanntschaft mit einer Verlagssekretärin eröffnet ihm neue Wege. Die Frau taucht mit ihm in die tiefsten Tiefen menschlicher Gefühle, dorthin wo die schönsten Perlen zu finden sind und lehrt ihn dabei eine neue Sprache. Der bislang so schüchterne Dichter und Denker mutiert zum Perlentaucher.

Während das verbandelte Paar gemeinsam an ihrer Perlenschnur fädeln, gelingt Wolfgang Johann Schilling, so sein Poetenname, ein neuer, revolutionärer Roman. Der Verleger ist bereit, dieses Werk heraus zu bringen, jedoch nicht ohne von seiner Sekretärin ein großes Opfer einzufordern.

Spoiler
Der Perlentaucher

Roman

1. Die Metamorphose

Auf einer kleinen Bank in einem kleinen Park in einer kleinen Stadt saß bei einbrechender Nacht ein älterer Herr und starrte in den Vollmond. Den Kopf zurückgelegt auf die hölzerne Lehne der Bank, die Hände in den tiefen Seitentaschen seines schon nicht mehr ganz neuen, dunkel­blauen Mantels vergraben, die Beine weit nach vorn gestreckt, die Knie eng an­einander, die Füße mitten im Kiesweg zum großen V gespreizt, so saß Franz Krause schon seit geraumer Zeit. Auf seinem Kopf trug er eine schwarze Baskenmütze, schwungvoll zum rechten Ohr hin verschoben, nicht weil er der Meinung war, das gäbe ihm das Aussehen eines Künst­lers, nein, so einfach strukturiert war sein Denken nicht. In meinem Kopf tummeln sich viele Gestalten, Cha­raktere, die es zu beschützen gilt. So dachte Franz Krause. Und weil er Linkshänder war, (Linkshänder sind be­kanntlich intelligenter als Rechts­händer!), und beim Linkshänder die rechte Gehirnhälfte ausgeprägter ist als die linke, mußten sich auch alle Figuren, die seinen Kopf bevölkerten, zwischen Fontanelle und rechtem Ohransatz tummeln. Sie galt es zu beschützen. Franz Krause war ein tief­sinniger Denker, also auch ein Dichter.

Franz Krause brauchte keine Weltreisen, die mit bunten Bildern an Pla­katwänden wie Sauerbier angeboten wurden, als lebe der Mensch ohne sie nur ein halbes Leben. Nein, das alles brauchte Franz Krause nicht. Er, der Dichter, lebte in der Welt ausufernder Gedanken. Er durchquerte alle Erdteile, Tropenwälder wie Wüsten, über­querte die Meere, flog durch die Lüfte. Er konnte sogar noch mehr. Im tiefsten Winter erdachte er sich den Frühling; wenn die heiße Augustsonne vor seinem Fenster brannte, sah er den glitzernden Schnee in der Tundra oder die kalbenden Eisberge vor Grönland. Und wenn er das alles sah in der einbrechenden Nacht auf der kleinen Bank in dem kleinen Park der klei­nen Stadt, leuchteten seine Au­gen unter buschigen Brauen.

Seine Augen. Oh ja, seine Augen, sie glichen tiefgründigen Seen, auf deren Oberflächen die glitzernden Tag- oder Nachtlichter in viele kleine Facetten zerbrechen, daß man glauben möchte, Legionen kleiner Silber­fischchen tanzen über den Wassern. Seine Augen waren aber auch Spie­gelbild eines Sees, in dessen Abgründen die ganze Unendlichkeit seiner verbor­gener Sehnsüchte wuchern. Wer in diese wasserblauen Augen blickte, spürte die Magie der tausend Gedanken, der Träume und Sehn­süchte, die in der Tiefe schlummerten. Fanden diese Bilder den Weg aus der mit Schätzen überhäuften Gedankengrotte in Franz Krauses Augen, begann, über einem zu einem verschmitztem Lächeln verzogenen Mund, der Tanz der glitzernden Silberfischchen auf der leuchtenden Iris. Aber wer blickte schon in die Augen des Franz Krause. Franz Krause. Einen einfacheren Namen konnte es gar nicht geben. Er trug ihn, ohne je darüber nachgedacht zu haben, schon sechzig Jahre mit Geduld. Wer glaubt, Franz Krause sei ein zu alltäglicher Name, wer ihn trägt, könne niemals ein Herr sein, nur ein einfacher älterer Mann also, ein alter Mann viel­leicht sogar – weit ge­fehlt! Zugegeben: das Alter hatte in Franz Krau­ses Gesicht bereits viele Linien gezeich­net, welche die Ver­gänglichkeit aller Jugend preisgaben. Diese Linien gli­chen aber nicht den Wirrnissen von Schnittmusterbögen, unklar und verfilzt, seine Ge­sichts­furchen wa­ren eher mit Straßen- und We­gekarten zu vergleichen. Stra­ßen und Wege ei­nes ruhelosen Lebens. Le­benslinien wäre ein pas­sender Aus­druck, klänge er nicht zu prosaisch. Quer über der Na­senwur­zel hatte sich sogar ein tie­fer Hohlweg einge­graben, in dem man­che sei­ner Gedan­ken kein Licht mehr fanden. Grü­beln und Denken waren Franz Krauses Hauptbeschäfti­gung, und, was nicht vergessen werden darf: es war zu sei­nem Lebensinhalt geworden, seines Lebens Zweck schlechthin, das, was ihm durch den Kopf floß, manch­mal als mageres kleines Rinn­sal, manch­mal als reißen­der Strom, schrieb er auch nieder. Seine alte Schreibma­schine, bei der ge­rade der Buchstabe e, den er am meisten be­nötigte, im­mer wieder hän­gen blieb, daß er die Type erst mit seinem Fin­ger zu­rück holen mußte, diese Maschine benutzte er nur, wenn ein Kapi­tel fertig war, (ausgereift nannte es Franz Krause). Zuerst wurde alles mit der Hand nie­dergeschrieben, das war zwar mühsam, doch Franz Krause war ein Mensch, der Zeit besaß. Zeit haben ist die beste Alterserschei­nung, die es gibt. Manche sind reich an Geld und haben keine Zeit – ich habe kein Geld, aber besitze viel Zeit!, sagte er jedem, der es hören wollte und spürte dabei ein Glücksgefühl durch seine Adern rauschen. Es gab ja Ku­gelschreiber, die ein dau­erndes Eintauchen der Feder ins Tin­ten­faß über­flüssig machen. Wie sehr haben sich dagegen Goethe und Schiller plagen müssen, mit Gänsefedern und so. Nicht die Qualität des Schreibgerätes ist wichtig, sondern die Qualität meiner Gedanken. So dachte Franz Krause. Nicht selbstzufrieden, sondern bescheiden fand er sich.
Während er das alles dachte, zog er seine Beine zurück, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen war, der dar­über hätte stolpern kön­nen. Warum tat er das? Das sogenannte Bürgerli­che, der Anstand, war plötz­lich in ihn gefah­ren. Lümmel nicht so rum!, hörte er seine Mutter sa­gen, doch die Sitzän­derung brachte ihm nichts. Er fühlte sich unwohl. So konnte er nicht den­ken. Sitzen, wie Rentner auf einer Bank sitzen, das bringt nichts. Also streckte er seine Beine wieder lang, zog seine Hände aus den Taschen und stützte sie rechts und links, als wolle er jedermann verwehren, sich neben ihn zu setzen und seine Gedanken­kreise zu stören.
Franz Krause saß nicht in der warmen Nachmittags­sonne auf der klei­nen Parkbank, nein, er saß bei beginnender Nacht und ließ seine Augen vom Mond fes­seln. Die Haltung, die er einnahm, den Kopf zurück ge­lehnt, die Beine lang ausgestreckt, (mein Gott, wie viele Menschen wür­den tags darüber stolpern?, wie vielen Kinderwagen wäre die Durchfahrt ver­sperrt?), diese Haltung, die ihm seine tiefsinnigen Gedanken er­mög­lichte, die konnte er nur nachts einnehmen, wenn Kinder und Rentner in ich­ren Betten lagen, die Kinderwagen in Hausfluren oder in Kellerabgän­gen ihre wohlverdiente Ruhe gefunden hatten.
Heute war ein besonderer Tag. Zwei große Gedanken zogen gleich­zei­tig durch seinen Kopf. Beide bezogen sich auf ihn selbst. Zuerst kam der Gedanke: In Einsam­keit leben, bedeutet Tapferkeit! Franz Krause wußte nicht recht, ob er diesen Satz irgendwo gelesen, oder ob er aus der tief­sten Tiefe seiner Ge­fühle in die höheren Sphären seiner Gedankenwelt aufgestiegen war. Egal. Der Satz war gut, er würde ihn in seinem näch­sten Buch nieder­schreiben. In Einsamkeit leben, bedeutet Tapferkeit! Ja, Franz Krause fühlte sich als einsamer, aber auch als tapferer Mann.
Sein zweiter großer Gedanke fiel ihm vom Mond, (der ihn anstarrte und er ihn), direkt in den Kopf: Franz Krause wünschte sich, ohne Rake­tengedröhns und Raumanzug unverzüglich nach dort oben befördert zu werden. Er war gebildet genug, zu wissen, auch auf dem Mond würde er sei­nen allergrößten Wunsch nicht er­füllt be­kommen, seinen Wunsch, der da hieß: schwerelos sein. Schwerelos schwe­ben, körperlich, geistig. Und seelisch! Aber nicht einmal das. Nicht einmal seine Seele würde dort schwe­re­los sein, sogar das befürchtete er. Der Mond besitzt eine Anzie­hungs­kraft, eine geringere als die Erde, viel geringer – aber Franz Krause war der Überzeugung, diese geringe Anziehungskraft des Mondes bis in sein Inner­stes zu spüren. Das begann schon mit den Augen. Wurde nicht sein Blick vom Mond wie magisch eingefangen? Und festgehalten! Nicht nur se­kunden-, nein, minutenlang! Sogar dieses Zeitmaß schien Franz Krause viel zu ge­ring. Das muß etwas mit der An­ziehungskraft des Mon­des zu tun haben – so grübelte Franz Krause.
ENDE DER LESEPROBE


Roman2003 Mauer-Verlag
ISBN 3-937008-51-9

Vergriffen, über Autor portofrei erhältlich: hm.milde@hamami.de