{"id":702,"date":"2025-12-19T17:11:33","date_gmt":"2025-12-19T15:11:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hamami.de\/?page_id=702"},"modified":"2025-12-20T13:57:59","modified_gmt":"2025-12-20T11:57:59","slug":"lenz-oder-fruehling","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hamami.de\/?page_id=702","title":{"rendered":"LENZ oder Fr\u00fchling"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"https:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"352\" height=\"500\" src=\"https:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-703\" srcset=\"https:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image.png 352w, https:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/image-211x300.png 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Der Zwiespalt zwischen Alleinsein und Einsamkeit l\u00e4sst Lenz immer tiefer in die Verwirrung gleiten, aus der er nur einen Ausweg kennt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"spoiler-wrap\">\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-head folded\">Spoiler<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-body\"><\/p>\n\n\n\n<p>Prolog:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche nach einem Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit ist allbekannt, ihre Beantwortung f\u00e4llt nicht leicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alleinsein<\/strong> betrifft das \u00c4u\u00dfere, das au\u00dfenherum. Alleinsein ist notwendig, um Gedichte zu schreiben, Erz\u00e4hlungen, Romane. Opern zu komponieren. Gem\u00e4lde zu gestaltet. Alleinsein bereichert die Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einsamkeit<\/strong> w\u00e4chst innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verengt, zieht alles Dasein auf einen Punkt, auf das eigene ICH. Verbannt in Dunkelheit und Finsternis, in Seelischen Autismus. Einsame gelten als verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>So auch Lenz.<\/p>\n\n\n\n<p>*<br><\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchlingswinde r\u00fcttelten an den B\u00e4umen, weckten sie aus ihrem Winterschlaf. Schneereste schmolzen, w\u00e4rmende Sonnenstrahlen halfen dabei. Wiesen und \u00c4cker atmeten befreit auf. Am Bach brachen die Eisr\u00e4nder, wurden vom strudelnden Wasser davongetragen. In den L\u00fcften begann es zu singen. Meisen und Spatzen \u00fcbten zaghaft ihre lang verstummten Stimmen. Noch geh\u00f6rte ihnen die Luft allein. Schwalben, Mauersegler waren noch fern, wie Kuckuck, Gartenrotschwanz oder Rotkelchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Stra\u00dfen tanzten die Kinder, lie\u00dfen bunte B\u00e4lle springen. Kreise wurden auf den Asphalt gemalt, es wurde geh\u00fcpft, zuerst mit einem Bein, danach mit beiden F\u00fc\u00dfen von Feld zu Feld. Gehopst, nannten sie es. Auch Seilspringen war angesagt. Die von Tag zu Tag h\u00f6hersteigende Sonne weckte neue Lebensfreude.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein Lenz nahm das alles nicht wahr. Ihm ging es schlecht. Wer ihn als J\u00fcngling gekannt, erinnerte sich seiner blaustrahlenden Augen. Leicht h\u00e4tte man ihn f\u00fcr einen Albino gehalten, doch sein kastanienbraunes Haar machte diese Vermutung schnell zunichte. Was ihn von anderen M\u00e4nnern unterschied, wusste keiner zu benennen. Seine Arme waren im Gleichma\u00df gewachsen, die H\u00e4nde zart gegliedert. Das linke Bein zog er leicht nach, was kaum einer bemerkte. Schmalbr\u00fcstig war er, manchmal auch d\u00fcnnh\u00e4utig. Ein normaler Mann also?<\/p>\n\n\n\n<p>Einzig sein Name bot Anlass zur Verballhornung. Getauft war er auf den Namen<em> Lenz<\/em>, doch alle, die ihm nahestanden, nannten ihn <em>Fr\u00fchling<\/em>. Wer diese Abwandlung zuerst erdacht, wusste bald keiner mehr. Kaum einer sprach ihn noch mit seinem richtigen Namen an, der im Pass amtlich vermerkt stand, beglaubigt mit Stempel und Unterschrift.<\/p>\n\n\n\n<p>Lenz st\u00f6rte es nicht, als<em> Herr Fr\u00fchling<\/em> angeredet zu werden, hielt den angedichteten Namen f\u00fcr eine Metapher, die ihm keineswegs abwegig erschien. Eher treffend gew\u00e4hlt. Bezeichnete man nicht die Zeit nach der Schneeschmelze als erfrischende Gottesgabe, als Befreiung von einer Last, einer Zeit des Aufbl\u00fchens, der Glorie des Aufbruchs. Warum sollte das nicht auf ihn zutreffen? Der Klang eines verf\u00e4lschten Namens kann doch keinen in die Irre leiten, keinen wie Lenz, dachten alle, die ihn gut zu kennen glaubten. Was aber, wenn Unw\u00e4gbarkeiten menschlicher Gef\u00fchle sich einmischen? Rationales an Irrealit\u00e4t scheitert?<\/p>\n\n\n\n<p>Erst sehr viel sp\u00e4ter, nachdem geschehen war, was keiner zu erkl\u00e4ren wusste, wurde die Frage laut, ob sie diesen Lenz, alias Fr\u00fchling, wirklich gekannt hatten. Zeiten der Hexerei, des Beelzebub, in der Menschen aus der Bahn geworfen wurden, waren lange vorbei. Den Grund f\u00fcr sein pl\u00f6tzliches Ausufern wusste keiner zu erkl\u00e4ren. Einer wie Lenz, so die einhellige Meinung, sei nicht so leicht umzuwerfen, schon gar nicht von einer scherzhaften Verdrehung seines Namens. Das Wort <em>Fr\u00fchling<\/em> dr\u00fccke doch Positives aus. Aufbauendes. Heiterklingendes. Das k\u00f6nne doch keinem schaden. Doch nach allem, was geschehen war, verwendeten sie nur noch seinem richtigen Namen, als w\u00fcrden sich ihre Lippen str\u00e4uben, zwei Silben zu formen, wenn eine gen\u00fcgt. Vergessen war die Zeit, in der sie ihn als friedlichen, liebreizenden Menschen gesehen hatten. Was Lenz getan, passte nicht zu seinem Wesen. Wieso er es tat? Weshalb? Warum? Keiner verstand sein Tun. Alle sch\u00fcttelten ihre K\u00f6pfe. Erkl\u00e4rungsversuche wurden gestartet. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Verdacht verhakte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnte es sein, dieser Lenz habe einen Doppelg\u00e4nger, tief in sich selbst. Nach au\u00dfen sei er ein echter Fr\u00fchling gewesen, das mochte jeder best\u00e4tigen. Doch tief in seinem Inneren m\u00fcsse ein anderer leben. Allegorische Bilder wurden von den Launen eines Fr\u00fchlings gemalt: Herrlicher Sonnenschein, pl\u00f6tzlich dunkle Wolken. Laue L\u00fcfte, n\u00e4chtlicher Frost. Aus Windstille erw\u00e4chst orkanartiger Sturm. Sanfter Fr\u00fchlingsregen mutiert zur Sintflut. Viel Gegens\u00e4tzliches wurden aufgez\u00e4hlt. Ob <em>Fr\u00fchling<\/em> die richtige Bezeichnung f\u00fcr Lenz gewesen sei, wurde pl\u00f6tzlich bezweifelt. Wetterwendig sei er manchmal gewesen, dieser verirrte Namenspatron. Wenn es allein der menschlichen Fantasie gelingt durch die Verbalhornung eines Namens jemand in die Irre zu leiten, wie viel mehr Verwirrung entsteht, wenn Gef\u00fchle hinzukommen.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Was Lenz getan, passte keineswegs zu seinem Wesen. Triste Gedanken zogen durch die K\u00f6pfe derer, die ihm nahestanden. In ihren Hirnen grummelte die Frage nach einem Doppelg\u00e4nger. Einem inneren Zwilling. Konnte es das geben? War es m\u00f6glich, dass tief in einem K\u00f6rper ein anderer lebt? Das Sprichwort von den zwei Herzen, die in einer Brust schlagen, war schnell zitiert. Jeder wusste Geschichten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber war mit Lenz geschehen? An einem von Blitzen und Donnerschl\u00e4gen erf\u00fcllten Tag sei Lenz durch die Stadt gelaufen, habe dabei laut geschrien.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nein!<\/em> habe er geschrien. <em>Ihr verkennt mich! Keiner kennt mich wie ich wirklich bin! Hier bin ich! Hier!<\/em> soll er getobt haben. Immer wieder habe er geschrien: <em>Hier bin ich! Hier!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zeiten der Pubert\u00e4t h\u00e4tte man solches Verhalten zurechnen k\u00f6nnen, das wusste jeder. In der Zeit der Reife waren Radikalit\u00e4t oder Wildheit nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Bei Lenz lag diese Zeit aber weit zur\u00fcck. Die Frage, ob er steckengeblieben sei in seiner Entwicklung, suchte nach Kl\u00e4rung. Durfte es so etwas geben? Menschen geben oft R\u00e4tsel auf. Auch sich selbst. Stand nicht einmal in der Zeitung, ein erwachsener Mann sei am sp\u00e4ten Abend mitten in der Fernsehsendung aufgestanden, habe seiner Frau zugeraunt, er gehe schnell zum Automaten, wolle Zigaretten holen, sei aber nicht mehr zur\u00fcckgekehrt, nicht in der gleichen Nacht und auch nicht an einem der folgenden Tage. Keiner wollte das glauben. Ungl\u00e4ubiges Kopfsch\u00fctteln nur. Welche Sendung er wohl gesehen habe, wurde ger\u00e4tselt. Ob diese modernen Bildmaschinen die Macht bes\u00e4\u00dfen, Menschen aus der Bahn zu werfen, wurde gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p>War das bei Lenz ebenso? Weil man ihn aus Jux und Tollerei Fr\u00fchling genannt hatte konnte doch kein Anlass sein, pl\u00f6tzlich laut schreiend durch die Stra\u00dfen der Stadt zu rennen und <em>Nein<\/em> zu schreien. <em>Nein! Hier bin ich!<\/em> Immer wieder habe er diese Worte geschrien, immer wieder: <em>Hier bin ich! Hier!<\/em> Andere sagen sogar, sein Hemd sei blutverschmiert gewesen, die Klinge eines Stiletts, welches er wie zur Abwehr eines Angreifers nach vorn gerichtet trug, habe rot gefunkelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollte er jemanden t\u00f6ten? Wen? Einen Fremden? Sich selbst? Den Fr\u00fchling? Oder den Lenz? Der R\u00e4tselberg wuchs, wurde h\u00f6her und h\u00f6her.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; ENDE DER LESEPROBE<\/p>\n\n\n\n<p><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\n\n\n<p><strong>BoD-Verlag 2025, Norderstedt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>ISBN-13: 978-3-695101-72-6<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zwiespalt zwischen Alleinsein und Einsamkeit l\u00e4sst Lenz immer tiefer in die Verwirrung gleiten, aus der er nur einen Ausweg kennt. BoD-Verlag 2025, Norderstedt ISBN-13: 978-3-695101-72-6<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"class_list":["post-702","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=702"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/702\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":715,"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/702\/revisions\/715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hamami.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}