{"id":46,"date":"2014-08-23T14:22:08","date_gmt":"2014-08-23T12:22:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hans.hamami.de\/?page_id=46"},"modified":"2016-07-21T17:09:54","modified_gmt":"2016-07-21T15:09:54","slug":"die-gruene-rose","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hamami.de\/?page_id=46","title":{"rendered":"Die gr\u00fcne Rose"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/rose1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-54\" src=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/rose1.jpg\" alt=\"rose1\" width=\"225\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/rose1.jpg 225w, https:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/rose1-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>In diesem Roman begegnen sich zwei Kulturen<\/strong>\/Religionen: Die islamisch-orientalische und die christlich-europ\u00e4ische.<\/p>\n<p>\u00fcber den arabischen L\u00e4ndern br\u00fctet die Sonne. Hunger und Durst machen das Leben der Menschen unertr\u00e4glich. Auf gro\u00dfen und kleinen Schiffen dr\u00e4ngen sie deshalb \u00fcber das Meer, um in den L\u00e4ndern Europas, wo noch Regen f\u00e4llt und Korn w\u00e4chst, ein neues Leben zu suchen. Sie wissen, dass sie nicht willkommen sind.<\/p>\n<p>So auch Abu Muhammad Asad, der mit seinen beiden Frauen Nezha und Nuriah und den Kindern Kerimeh, Ali, Omer und Hassan an Bord der SAHABI die \u00dcberfahrt wagt. Sein Glaube an Allah und ein geheimnisvoller Stein sind seine einzigen Sch\u00e4tze.<\/p>\n<p><strong>Mit an Bord ist auch der M\u00e4rchenerz\u00e4hler Abdallah<\/strong>, der w\u00e4hrend der \u00fcberfahrt das M\u00e4rchen von der \u201eGr\u00fcnen Rose\u201d erz\u00e4hlt.<br \/>\n<div class=\"spoiler-wrap\">\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-head folded\">Spoiler<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-body\">Die gr\u00fcne Rose<\/p>\n<p>Roman<\/p>\n<p>1. Auflage 1993 Verlag freier Autoren, Fulda (vergriffen)<br \/>\n2. Auflage 2007 BoD Verlag<\/p>\n<p>Aber Gott liebt die nicht,<br \/>\ndie Unheil anrichten.<br \/>\nSure 5,64<\/p>\n<p>Die Abfahrt<\/p>\n<p>M\u00fchsam und tr\u00e4ge schob der Nil seine Wasser dem Mittelmeer zu. Es war die Stunde, in der das grelle, blendende Licht einer wie wild br\u00fctenden Sonne zu brechen begann, die Schatten weicher, daf\u00fcr aber umso l\u00e4nger wurden, die Farben aus dem milchigen Brei der flimmernden Hitze des Tages in die Pracht der irisierenden T\u00f6ne des Abendrots glitten und das Geschrei der schwirrenden M\u00f6wen zu verklingen begann. Ihr beh\u00e4biger Flug, vor kurzem noch ein wildes Herabschie\u00dfen aus der H\u00f6he auf das blinkende Wasser, Fressbares erheischend, streitend mit allem, was in die N\u00e4he kam, um wieder empor zu jagen mit eckigem Fl\u00fcgelschlag, Streitgeschrei selbst mit gef\u00fclltem Schnabel \u2013 ihr Flug wurde nun zu einem ruhigen Gleiten, Vers\u00f6hnung suchend f\u00fcr die Rachsucht des Tages. Die sich rot f\u00e4rbende Sonne stand schon tief und neigte ihre Bahn dem Wasser entgegen, als wolle sie ihre sengende Hitze in den Fluten des Meeres ers\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Abu Muhammad Asad hielt sich mit beiden H\u00e4nden an der Reling des Schiffes fest und lie\u00df seinen Blick \u00fcber die f\u00fcr ihn so fremde Welt gleiten. Seine Finger umkrampften das rostige Eisen so stark, dass Sehnen und Adern wie dicke Schn\u00fcre aus seinen H\u00e4nden hervor traten. Wasser war in seinem bisherigen Leben immer ein rares Kleinod gewesen, hier schwappte es im \u00dcberma\u00df gegen die Wand des Schiffes, auf dem er bebenden Herzens stand. Das Wasser stank. Das Schiff schwankte. Abu mit ihm. Was f\u00fcr eine Welt!<\/p>\n<p>Ganz fern, ganz oben in der H\u00f6he, dort wo Mohammed \u2013 Frieden und Segen Allahs seien auf ihm \ufffd das Asr betet: Gepriesen sei mein Herr, der Gr\u00f6\u00dfte \u2013 nur er w\u00fcrde wissen, ob es rechtens sei, was sie alle, Tausende, Abertausende, auf Weisung des gro\u00dfen Imam, zu tun bereit waren. Abu besa\u00df kein Wissen. Er glaubte. Weil glauben aber wie laufen auf weichem Sand ist, suchte Abu nach Halt. Nach au\u00dfen war es die rostige Reling, die ihm Halt bot, nach innen sein aus der Kindheit erwachsener Glaube. La ilaha illa&#8216; Allah, Muhammadur rasulullah.<\/p>\n<p>Nach au\u00dfen mag es ein Trost sein, zu wissen, dass so viele die gleiche Entscheidung getroffen haben, den selben Weg zu gehen bereit sind, in Allahs Namen, in eine ferne, fremde Welt, die Europa hei\u00dft, wo es Arbeit geben soll und Brot und gr\u00fcne B\u00e4ume, so weit das Auge reicht. Der Imam hat es erz\u00e4hlt. Er sprach auch von Trauben und Datteln und anderen Fr\u00fcchten, deren Namen Abu noch nie geh\u00f6rt hatte und sich nicht merken konnte. Ein Paradiesgarten, wie er fr\u00fcher auch einmal entlang des Nils gewesen sein soll \u2013 uralte Geschichten, denen Abu gelauscht, als er noch Kind war. Gro\u00dfvater konnte spannend erz\u00e4hlen. H\u00e4tten die Ziegen nicht immer lauthals geschrieen, Pflichten anmahnend, Abu erinnerte sich gern an diese Zeit, er w\u00e4re, damals als Kind, zu F\u00fc\u00dfen seines fast erblindeten Gro\u00dfvaters sitzen geblieben, um den alten Geschichten zu lauschen. Wie sch\u00f6n waren die Stunden, in denen er, statt Ziegen h\u00fcten, den alten blinden Mann f\u00fchren durfte; die gemeinsamen Wege durch die W\u00fcste, bei denen Gro\u00dfvater aus seiner Kindheit erz\u00e4hlte &#8230; und Abu hatte sich oft gefragt, ob die Zeiten, Gro\u00dfvaters Zeiten, damals, trotz Hunger und Not, lebenswerter gewesen waren, als die jetzigen Zeiten der Suche nach neuen Wegen. W\u00e4re es nicht besser, es der Schnecke gleichzutun, die in ihr Haus kriecht und den Eingang mit Schleimspeichel schlie\u00dft; so wie die Schnecken am trostlosen Ort verharren, im blinden Vertrauen auf die \u00dcberlebenskraft, als einen Weg ins Unbekannte zu wagen? Was, wenn am Ende des Weges auch nur das Schneckenhaus bliebe?<\/p>\n<p>Abu strich mit den knochigen Fingern \u00fcber die faltige Stirn, als wolle er seine unsteten Gedanken verwischen. Das Zittern der H\u00e4nde merkte nur er, aber es beunruhigte ihn. Nagte jetzt schon an ihm das Krokodil namens Heimweh? Konnte es \u00fcberhaupt Heimweh geben nach gl\u00fchendem Sand, ausgetrocknetem Flussbett, nach Hunger und Durst? Abu ordnete sein Kopftuch, dr\u00fcckte die Falten fest, es sah aus, als m\u00fche er sich, alle ihn bedr\u00e4ngenden Gedanken dahinter zu verstecken.<\/p>\n<p>Segne, o Allah, Mohammed und das Volk Mohammeds, so, wie Du Abraham und das Volk Abrahams gesegnet hast, Du bist in der Tat preisw\u00fcrdig, heilig. Lass gedeihen und st\u00e4rke, o Allah, Mohammed und das Volk Mohammeds, so, wie Du Abraham und das Volk Abrahams hast gedeihen lassen.<\/p>\n<p>Abu hob seine knochige Hand wie ein Schutzschild \u00fcber seine Augen und blickte in die Richtung, in der die Sonne bald ins Wasser eintauchen w\u00fcrde. Er war unsicher, ob dort hinten noch immer der Nil oder schon der Beginn des gef\u00e4hrlichen Meeres war, welches sie das Mediterrane nannten. Was f\u00fcr eine fremde Welt, dachte er und war sich bewusst, dass die eigentliche Reise noch nicht einmal begonnen hatte. Vom Blick in die tief stehende Sonne zitterten seine Augenlider, und seine Aug\u00e4pfel brannten, als f\u00fcrchte er, die gl\u00fchende Sonne k\u00f6nne das Wasser zum Sieden bringen, sobald sie es, am fernen Horizont, ber\u00fchren werde. Die hei\u00dfen Winde der W\u00fcste wusste er einzusch\u00e4tzen, wie das Gef\u00fchl gl\u00fchenden Sandes unter den F\u00fc\u00dfen. Die Glut, die bis ins eigene Blut drang und Begierden lockte. Auch die K\u00e4lte der Nacht. Ein Leben aus den Gef\u00fchlen heraus hatte er gef\u00fchrt, was w\u00fcrde jetzt kommen?<\/p>\n<p>Abu war kein gebildeter Mann. Gro\u00dfvater war sein bester und einziger Lehrer gewesen. Viele Allt\u00e4glichkeiten. Aber auch Unermessliches, f\u00fcr ein Kind.<\/p>\n<p>Immer wieder erinnerte sich Abu an ein Gespr\u00e4ch, er war wohl erst sechs oder sieben Jahre alt, als der fast blinde Gro\u00dfvater ihn gefragt, wann ein Mensch wohl weiter sehen k\u00f6nne, am Tag oder in der Nacht. \u2013 Nat\u00fcrlich am Tag!, war die schnelle kindliche Antwort, auch wenn die Luft flimmert, kann ich am Horizont ziehende Karawanen erkennen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfvater hatte sanft nur gel\u00e4chelt, es war kein Auslachen, nein, das kannte Gro\u00dfvater nicht. \u2013 Nichts ist weiter entfernt von uns, als die Sterne &#8230; und die kannst du nur in der Nacht sehen! \u2013 Solche Gro\u00dfv\u00e4ter umfassen die ganze Welt. Sind eine Welt. Was w\u00fcrde Gro\u00dfvater sagen zu dieser Fahrt? Ein Traumbild w\u00e4re Abu willkommen, in dem Gro\u00dfvater Zeichen gibt. Aber es kam nicht.<\/p>\n<p>Gewaltsam riss Abu seinen Blick vom Horizont und richtete ihn auf die Vielzahl der Schiffe, die in der Bucht oder weit drau\u00dfen im d\u00fcmpelnden Wasser vor Anker lagen. So weit seine Augen reichten, lagen die Schuten aneinander gebunden, er h\u00f6rte ihr \u00c4chzen im lauwarmen Wind. Dr\u00fcben, in Rosette und Damiette, so hatte man ihm vorhin erz\u00e4hlt, sollen gr\u00f6\u00dfere Schiffe liegen, alle randvoll mit klopfenden bangenden Herzen.<\/p>\n<p>Abu h\u00e4tte mit seinen beiden Frauen Nezha und Nuriah und den vier Kindern auch den Weg \u00fcber die t\u00fcrkischen Berge nehmen k\u00f6nnen, um in die L\u00e4nder zu kommen, in denen noch Regen fiel und Nahrung wuchs. In Arabien gl\u00fchte die Sonne, und die W\u00fcste wuchs Jahr f\u00fcr Jahr. Der Himmel solle ein Loch haben, sagten die Gelehrten in der Moschee. Der Imam hatte ihnen den Weg gewiesen in die L\u00e4nder, in denen Weizen wuchs und Korn, Trauben, Datteln und andere Fr\u00fcchte, deren Namen Abu schon wieder vergessen hatte.<\/p>\n<p>&#8218;Geht in diese L\u00e4nder, ohne Schwert in der Hand, aber mit Allah im Herzen, denn so sagt Allah im Koran: Darum gedenket Mein, Ich will euer gedenken; und danket Mir und seid nicht undankbar gegen Mich. O die ihr glaubt, sucht Hilfe in Geduld und Gebet; Allah ist mit den Standhaften.&#8216;<\/p>\n<p>Abu hatte sich f\u00fcr den Schiffsweg entschieden, denn zwei seiner Kinder waren von zartem Wuchs, und seine Erstfrau Nezha trug einen schweren Leib. Die Planken des Schiffs hatte er mit zagendem Schritt betreten, der Sand der W\u00fcste schien ihm ein viel sicherer Halt f\u00fcr die F\u00fc\u00dfe eines Mannes. Aber ihm blieb nichts anderes, sollten sie nicht verhungern. Nun wollte er die ganze Nacht hindurch zu Allah beten. Nur mit seiner Hilfe w\u00fcrde es den kleinen und \u00fcberf\u00fcllten Schiffen gelingen, das Meer zu \u00fcberqueren, um dr\u00fcben, wohin sie der Wind auch immer treiben w\u00fcrde, Griechenland, Italien oder Frankreich oder gar Spanien, um irgendwo den Erdteil Europa betreten zu k\u00f6nnen \u2013 wie einst das Volk Abrahams das gelobte Land hinter dem Roten Meer betreten hatte. Von der Ostseite des Adriatischen Meeres, (die fremden Namen hatten etwas Verwirrendes f\u00fcr Abu), erz\u00e4hlten die Leute, dort habe Mohammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, schon Fu\u00dfstapfen in den Fels gesetzt. Aber auch in anderen L\u00e4ndern Europas, in denen Schnee auf den D\u00e4chern der H\u00e4user liege und das Wasser manchmal gefriere, dass selbst schwere M\u00e4nner darauf laufen k\u00f6nnten, so hatte Abu geh\u00f6rt, selbst dort lebten schon viele rechtgl\u00e4ubige Menschen.<br \/>\nAn Land gehen und vor einer Moschee stehen, davon tr\u00e4umte Abu in seinen k\u00fchnsten Tr\u00e4umen. Er sehnte, nach langer Fahrt \u00fcbers Meer, nicht Land und gr\u00fcne B\u00e4ume herbei; er w\u00fcrde, so weit konnte er sich voraustr\u00e4umen, er w\u00fcrde nach den Minaretts Ausschau halten, um dem Azan des Muezzins zu lauschen.<br \/>\n\u201eAlles Gl\u00fcck kann man nicht haben\u201c, murmelte Abu leise vor sich hin, dass die anderen glauben mochten, er erf\u00fclle immer noch sein Asr, sein Nachmittagsgebet. \u201eAlles Gl\u00fcck kann man nicht haben.\u201c<br \/>\nMit Allahs Hilfe und Segen das Meer \u00fcberwinden, den St\u00fcrmen trotzen, den Haifischen entgehen und den Ungl\u00e4ubigen nicht schutzlos in die H\u00e4nde zu fallen \u2013 einen Gl\u00fcckseligen w\u00fcrde er sich nennen, w\u00e4re es endlich soweit. Sein gr\u00f6\u00dfter Feind auf dieser beschwerlichen Reise, wer w\u00fcrde es sein? Das Wasser? Die sengende Sonne? Ein w\u00fctender Sturm? Oder die Menschen, die mit ihm im gleichen Boot? Gl\u00e4ubige, wie er, aber doch nur Menschen.<br \/>\nOder werden es die sein, in deren Land der Kiel des Schiffes eine Furche ziehen wird, um, gestrandet, nicht mehr auslaufen und damit nicht zur R\u00fcckfahrt gezwungen werden zu k\u00f6nnen?<br \/>\n*<br \/>\nAuf dem vorderen Deck der SAHABI, (was dem Namen nach GEF\u00c4HRTE DES PROPHETEN hei\u00dft), hockten gebeugte Gestalten, eingeh\u00fcllt in weite T\u00fccher und lauschten Abdallah, dem M\u00e4rchenerz\u00e4hler.<br \/>\n&#8222;In unserem Garten bl\u00fcht eine gr\u00fcne Rose!&#8220;<br \/>\nNie hatte eine Stimme zarter geklungen, nie hatten sch\u00f6nere Laute die Ohren der Menschen ber\u00fchrt, als jetzt, in der Stunde des aufsteigenden Mondes, in der der M\u00e4rchenerz\u00e4hler Abdallah &#8218;Die wundersame Geschichte der Gr\u00fcnen Rose&#8216; in die Stille der einbrechenden Nacht zu erz\u00e4hlen begann. &#8230;<br \/>\n&#8222;In unserem Garten bl\u00fcht eine gr\u00fcne Rose!&#8220; Prinzessin G\u00fclilah rief es voller Freude laut in die Strahlen der Abendsonne und lief zu dem Haus, vor dem ihr Vater mit tr\u00e4umendem Auge am offenen Fenster sa\u00df und mit verhangenem Blick in die sinkenden Schatten sah. Sehnsucht und Trauer senkten sein Haupt.<br \/>\n&#8222;Vater, mein K\u00f6nig &#8211; in unserem Garten bl\u00fcht eine gr\u00fcne Rose!&#8220;<br \/>\nDie lang fallenden Schatten wiesen wie Finger den Weg zu der heiligsten Stadt aller St\u00e4dte, nach Mekka, wo Gott es gefallen, seinem Propheten Mohammed, Frieden und Segen Allahs seien auf ihm, seine Gnade und Barmherzigkeit zu erweisen. K\u00f6nig Fad Ihn Maradah musste sich gro\u00dfe M\u00fche geben, seinen Blick aus der Richtung der Schatten zu l\u00f6sen. Mekka lag weit. Alles hatte er verloren. Geblieben war ihm allein seine liebreiche Tochter G\u00fclilah, sein letzter Schatz. Und sein T\u00f6chterlein brach erneut das bedr\u00fcckende Schweigen: &#8222;Mein Vater, mein K\u00f6nig &#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Du wei\u00dft es, mein Kind, du wei\u00dft es, ich bin nicht mehr K\u00f6nig.&#8220; Diese Worte fielen dem alten Mann sichtlich schwer. Ihm war, als hingen sie, nachdem er sie ausgesprochen, wie Felsgestein an seinem Hals und z\u00f6gen ihn immer weiter hinab in eine Tiefe, die ihn mit Furcht erf\u00fcllte. Endlos schien diese Schlucht, voller Risse und tiefster Dunkelheit. Als aber jetzt seine Tochter, umh\u00fcllt von wehenden Schleiern, die der Wind aufhob und leicht und fr\u00f6hlich tanzen lie\u00df, aus dem Garten her\u00fcber in seine Arme geflogen kam, stahl sich ein L\u00e4cheln aus seinem Herzen hervor, ohne dass er gewusst h\u00e4tte, es w\u00e4re noch eines drin.<br \/>\n&#8222;Eine gr\u00fcne Rose, mein Vater! Wir sind schon im Paradies!&#8220;<br \/>\n&#8222;Allah ist gro\u00df. Er ist der Gr\u00f6\u00dfte.In seiner Macht steht es allein, uns mit Gl\u00fcck zu beschenken oder uns zu verderben.&#8220;<br \/>\nEs fiel dem K\u00f6nig, der einst ein gro\u00dfes m\u00e4chtiges Reich besessen, nicht leicht, solche Worte auszusprechen, zumal in die zarten Ohren der einzigen Tochter, die ihm geblieben, als einziger Trost. Wie gro\u00df hatte fr\u00fcher sein Gl\u00fcck gestrahlt. Die Sonne war aufgegangen in seinem Reich, und sie war auch untergegangen in seinem Reich. Der Mond wechselte \u00fcber ihm seine Kleider und badete sich in den Quellen und B\u00e4chen, deren sprudelndes Rauschen wie herrliches Singen die L\u00fcfte erf\u00fcllte. Die Keller waren voll guter Fr\u00fcchte. Datteln reiften an den B\u00e4umen, dass die \u00c4ste zur Zeit der Reife gest\u00fctzt werden mussten. Die Schl\u00e4uche waren gef\u00fcllt mit k\u00f6stlichem Wein. Sein Thron war ausgeschlagen mit rotem Samt und glitzernder Seide. Von dort regierte er Land und Leute als ein strenger, aber gerechter Herr und K\u00f6nig. In seinen Gem\u00e4chern warteten vier Frauen auf ihn, Sch\u00f6nheit und G\u00fcte im Wechselspiel. Am n\u00e4chsten waren ihm seine S\u00f6hne und T\u00f6chter. Er z\u00e4hlte sie jeden Tag neu; dazu seine Perlen, Smaragde, Saphire.<br \/>\nW\u00e4hrend der Alte noch immer mit wehm\u00fctiger Sehnsucht vergangener Zeiten gedachte, und G\u00fclilah, seine liebreizende Tochter, an seinem Hals hing und versuchte, ihn aufzuheitern, flog ein Vogel, so gro\u00df wie ein Adler, \u00fcber das Haus und warf seinen Schatten auf Heiterkeit und Verdruss gleicherma\u00dfen. G\u00fclilah sah den Vogel zuerst. Sie war entz\u00fcckt von den herrlichen wei\u00dfen Federn und der purpurroten Farbe des gebogenen Schnabels und den langen, kraftvollen Beinen, die in ihrer Farbe dem Schnabel glichen.<br \/>\n&#8222;Sieh dort!&#8220;, rief sie dem Vater ins Ohr, doch der K\u00f6nig, da er den Vogel erkannte, antwortete leis nur: &#8222;Er ist wieder da.&#8220;<br \/>\nDer Vogel drehte einen letzten Kreis \u00fcber dem Garten und setzte sich in die Krone des Baumes, der ganz in der N\u00e4he des Rosenbeets stand. &#8222;Ist er es wieder?&#8220; Die Stimme der Prinzessin zitterte zart wie ein Gl\u00f6ckchen, das auf den Wogen des Abendwinds reitet.<br \/>\n&#8222;Er ist es. &#8211; Ja, mein Kind, er ist es.&#8220;<br \/>\n&#8222;Tr\u00e4gt er die Schuld?&#8220;<br \/>\n&#8222;Allah allein wei\u00df es.&#8220;<br \/>\nDer Vogel schlug seine m\u00e4chtigen Fl\u00fcgel, ohne vom Baum aufzufliegen. Der Wind, den er entfachte, streifte die Wangen des K\u00f6nigs und trug gefl\u00fcsterte Worte herbei: &#8222;Ich trag keine Schuld!&#8220;<br \/>\nAbdallah verschr\u00e4nkte seine Arme vor der Brust und senkte den Kopf. Er schwieg, und mit ihm schwiegen alle, die um ihn versammelt sa\u00dfen. Nur die Worte Ich trag keine Schuld hingen \u00fcber den gebeugten K\u00f6pfen und lockten Gedanken hervor. Ohne Schuld leben, wer w\u00fcnschte das nicht?<br \/>\nENDE DER LESEPROBE<br \/>\n<\/div>\n\t\t\t<\/div><br \/>\n<strong>Roman<br \/>\n1. Auflage: 1994 Verlag freier Autoren, Fulda<br \/>\n2. Auflage: 2007 BoD-Verlag<br \/>\nISBN 978-3-8334-9590-8<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Roman begegnen sich zwei Kulturen\/Religionen: Die islamisch-orientalische und die christlich-europ\u00e4ische. \u00fcber den arabischen L\u00e4ndern br\u00fctet die Sonne. Hunger und Durst machen das Leben der Menschen unertr\u00e4glich. 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