{"id":43,"date":"2014-08-23T14:20:57","date_gmt":"2014-08-23T12:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hans.hamami.de\/?page_id=43"},"modified":"2016-07-21T17:12:22","modified_gmt":"2016-07-21T15:12:22","slug":"der-perlentaucher","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hamami.de\/?page_id=43","title":{"rendered":"Der Perlentaucher"},"content":{"rendered":"<p class=\"anfang\"><strong><a href=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/perlen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-44\" src=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/perlen.jpg\" alt=\"perlen\" width=\"172\" height=\"267\" \/><\/a>Franz Krause, pensionierter Finanzbeamter, hat einen Roman geschrieben und sucht einen Verleger.<\/strong> Weil ihm normale Zusendungen keinen Erfolg bringen, versucht er es in seiner Verzweiflung auf unnormalen Wegen, doch erst die unfreiwillige Bekanntschaft mit einer Verlagssekret\u00e4rin er\u00f6ffnet ihm neue Wege. Die Frau taucht mit ihm in die tiefsten Tiefen menschlicher Gef\u00fchle, dorthin wo die sch\u00f6nsten Perlen zu finden sind und lehrt ihn dabei eine neue Sprache. Der bislang so sch\u00fcchterne Dichter und Denker mutiert zum Perlentaucher.<\/p>\n<p class=\"anfang\">W\u00e4hrend das verbandelte Paar gemeinsam an ihrer Perlenschnur f\u00e4deln, gelingt Wolfgang Johann Schilling, so sein Poetenname, ein neuer, revolution\u00e4rer Roman. <strong>Der Verleger ist bereit, dieses Werk heraus zu bringen, jedoch nicht ohne von seiner Sekret\u00e4rin ein gro\u00dfes Opfer einzufordern.<\/strong><\/p>\n<p><div class=\"spoiler-wrap\">\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-head folded\">Spoiler<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-body\">Der Perlentaucher<\/p>\n<p>Roman<\/p>\n<p>1. Die Metamorphose<\/p>\n<p>Auf einer kleinen Bank in einem kleinen Park in einer kleinen Stadt sa\u00df bei einbrechender Nacht ein \u00e4lterer Herr und starrte in den Vollmond. Den Kopf zur\u00fcckgelegt auf die h\u00f6lzerne Lehne der Bank, die H\u00e4nde in den tiefen Seitentaschen seines schon nicht mehr ganz neuen, dunkel\u00adblauen Mantels vergraben, die Beine weit nach vorn gestreckt, die Knie eng an\u00adeinander, die F\u00fc\u00dfe mitten im Kiesweg zum gro\u00dfen V gespreizt, so sa\u00df Franz Krause schon seit geraumer Zeit. Auf seinem Kopf trug er eine schwarze Baskenm\u00fctze, schwungvoll zum rechten Ohr hin verschoben, nicht weil er der Meinung war, das g\u00e4be ihm das Aussehen eines K\u00fcnst\u00adlers, nein, so einfach strukturiert war sein Denken nicht. In meinem Kopf tummeln sich viele Gestalten, Cha\u00adraktere, die es zu besch\u00fctzen gilt. So dachte Franz Krause. Und weil er Linksh\u00e4nder war, (Linksh\u00e4nder sind be\u00adkanntlich intelligenter als Rechts\u00adh\u00e4nder!), und beim Linksh\u00e4nder die rechte Gehirnh\u00e4lfte ausgepr\u00e4gter ist als die linke, mu\u00dften sich auch alle Figuren, die seinen Kopf bev\u00f6lkerten, zwischen Fontanelle und rechtem Ohransatz tummeln. Sie galt es zu besch\u00fctzen. Franz Krause war ein tief\u00adsinniger Denker, also auch ein Dichter.<\/p>\n<p>Franz Krause brauchte keine Weltreisen, die mit bunten Bildern an Pla\u00adkatw\u00e4nden wie Sauerbier angeboten wurden, als lebe der Mensch ohne sie nur ein halbes Leben. Nein, das alles brauchte Franz Krause nicht. Er, der Dichter, lebte in der Welt ausufernder Gedanken. Er durchquerte alle Erdteile, Tropenw\u00e4lder wie W\u00fcsten, \u00fcber\u00adquerte die Meere, flog durch die L\u00fcfte. Er konnte sogar noch mehr. Im tiefsten Winter erdachte er sich den Fr\u00fchling; wenn die hei\u00dfe Augustsonne vor seinem Fenster brannte, sah er den glitzernden Schnee in der Tundra oder die kalbenden Eisberge vor Gr\u00f6nland. Und wenn er das alles sah in der einbrechenden Nacht auf der kleinen Bank in dem kleinen Park der klei\u00adnen Stadt, leuchteten seine Au\u00adgen unter buschigen Brauen.<\/p>\n<p>Seine Augen. Oh ja, seine Augen, sie glichen tiefgr\u00fcndigen Seen, auf deren Oberfl\u00e4chen die glitzernden Tag- oder Nachtlichter in viele kleine Facetten zerbrechen, da\u00df man glauben m\u00f6chte, Legionen kleiner Silber\u00adfischchen tanzen \u00fcber den Wassern. Seine Augen waren aber auch Spie\u00adgelbild eines Sees, in dessen Abgr\u00fcnden die ganze Unendlichkeit seiner verbor\u00adgener Sehns\u00fcchte wuchern. Wer in diese wasserblauen Augen blickte, sp\u00fcrte die Magie der tausend Gedanken, der Tr\u00e4ume und Sehn\u00ads\u00fcchte, die in der Tiefe schlummerten. Fanden diese Bilder den Weg aus der mit Sch\u00e4tzen \u00fcberh\u00e4uften Gedankengrotte in Franz Krauses Augen, begann, \u00fcber einem zu einem verschmitztem L\u00e4cheln verzogenen Mund, der Tanz der glitzernden Silberfischchen auf der leuchtenden Iris. Aber wer blickte schon in die Augen des Franz Krause. Franz Krause. Einen einfacheren Namen konnte es gar nicht geben. Er trug ihn, ohne je dar\u00fcber nachgedacht zu haben, schon sechzig Jahre mit Geduld. Wer glaubt, Franz Krause sei ein zu allt\u00e4glicher Name, wer ihn tr\u00e4gt, k\u00f6nne niemals ein Herr sein, nur ein einfacher \u00e4lterer Mann also, ein alter Mann viel\u00adleicht sogar &#8211; weit ge\u00adfehlt! Zugegeben: das Alter hatte in Franz Krau\u00adses Gesicht bereits viele Linien gezeich\u00adnet, welche die Ver\u00adg\u00e4nglichkeit aller Jugend preisgaben. Diese Linien gli\u00adchen aber nicht den Wirrnissen von Schnittmusterb\u00f6gen, unklar und verfilzt, seine Ge\u00adsichts\u00adfurchen wa\u00adren eher mit Stra\u00dfen- und We\u00adgekarten zu vergleichen. Stra\u00ad\u00dfen und Wege ei\u00adnes ruhelosen Lebens. Le\u00adbenslinien w\u00e4re ein pas\u00adsender Aus\u00addruck, kl\u00e4nge er nicht zu prosaisch. Quer \u00fcber der Na\u00adsenwur\u00adzel hatte sich sogar ein tie\u00adfer Hohlweg einge\u00adgraben, in dem man\u00adche sei\u00adner Gedan\u00adken kein Licht mehr fanden. Gr\u00fc\u00adbeln und Denken waren Franz Krauses Hauptbesch\u00e4fti\u00adgung, und, was nicht vergessen werden darf: es war zu sei\u00adnem Lebensinhalt geworden, seines Lebens Zweck schlechthin, das, was ihm durch den Kopf flo\u00df, manch\u00admal als mageres kleines Rinn\u00adsal, manch\u00admal als rei\u00dfen\u00adder Strom, schrieb er auch nieder. Seine alte Schreibma\u00adschine, bei der ge\u00adrade der Buchstabe e, den er am meisten be\u00adn\u00f6tigte, im\u00admer wieder h\u00e4n\u00adgen blieb, da\u00df er die Type erst mit seinem Fin\u00adger zu\u00adr\u00fcck holen mu\u00dfte, diese Maschine benutzte er nur, wenn ein Kapi\u00adtel fertig war, (ausgereift nannte es Franz Krause). Zuerst wurde alles mit der Hand nie\u00addergeschrieben, das war zwar m\u00fchsam, doch Franz Krause war ein Mensch, der Zeit besa\u00df. Zeit haben ist die beste Alterserschei\u00adnung, die es gibt. Manche sind reich an Geld und haben keine Zeit &#8211; ich habe kein Geld, aber besitze viel Zeit!, sagte er jedem, der es h\u00f6ren wollte und sp\u00fcrte dabei ein Gl\u00fccksgef\u00fchl durch seine Adern rauschen. Es gab ja Ku\u00adgelschreiber, die ein dau\u00aderndes Eintauchen der Feder ins Tin\u00adten\u00adfa\u00df \u00fcber\u00adfl\u00fcssig machen. Wie sehr haben sich dagegen Goethe und Schiller plagen m\u00fcssen, mit G\u00e4nsefedern und so. Nicht die Qualit\u00e4t des Schreibger\u00e4tes ist wichtig, sondern die Qualit\u00e4t meiner Gedanken. So dachte Franz Krause. Nicht selbstzufrieden, sondern bescheiden fand er sich.<br \/>\nW\u00e4hrend er das alles dachte, zog er seine Beine zur\u00fcck, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen war, der dar\u00ad\u00fcber h\u00e4tte stolpern k\u00f6n\u00adnen. Warum tat er das? Das sogenannte B\u00fcrgerli\u00adche, der Anstand, war pl\u00f6tz\u00adlich in ihn gefah\u00adren. L\u00fcmmel nicht so rum!, h\u00f6rte er seine Mutter sa\u00adgen, doch die Sitz\u00e4n\u00adderung brachte ihm nichts. Er f\u00fchlte sich unwohl. So konnte er nicht den\u00adken. Sitzen, wie Rentner auf einer Bank sitzen, das bringt nichts. Also streckte er seine Beine wieder lang, zog seine H\u00e4nde aus den Taschen und st\u00fctzte sie rechts und links, als wolle er jedermann verwehren, sich neben ihn zu setzen und seine Gedanken\u00adkreise zu st\u00f6ren.<br \/>\nFranz Krause sa\u00df nicht in der warmen Nachmittags\u00adsonne auf der klei\u00adnen Parkbank, nein, er sa\u00df bei beginnender Nacht und lie\u00df seine Augen vom Mond fes\u00adseln. Die Haltung, die er einnahm, den Kopf zur\u00fcck ge\u00adlehnt, die Beine lang ausgestreckt, (mein Gott, wie viele Menschen w\u00fcr\u00adden tags dar\u00fcber stolpern?, wie vielen Kinderwagen w\u00e4re die Durchfahrt ver\u00adsperrt?), diese Haltung, die ihm seine tiefsinnigen Gedanken er\u00adm\u00f6g\u00adlichte, die konnte er nur nachts einnehmen, wenn Kinder und Rentner in ich\u00adren Betten lagen, die Kinderwagen in Hausfluren oder in Kellerabg\u00e4n\u00adgen ihre wohlverdiente Ruhe gefunden hatten.<br \/>\nHeute war ein besonderer Tag. Zwei gro\u00dfe Gedanken zogen gleich\u00adzei\u00adtig durch seinen Kopf. Beide bezogen sich auf ihn selbst. Zuerst kam der Gedanke: In Einsam\u00adkeit leben, bedeutet Tapferkeit! Franz Krause wu\u00dfte nicht recht, ob er diesen Satz irgendwo gelesen, oder ob er aus der tief\u00adsten Tiefe seiner Ge\u00adf\u00fchle in die h\u00f6heren Sph\u00e4ren seiner Gedankenwelt aufgestiegen war. Egal. Der Satz war gut, er w\u00fcrde ihn in seinem n\u00e4ch\u00adsten Buch nieder\u00adschreiben. In Einsamkeit leben, bedeutet Tapferkeit! Ja, Franz Krause f\u00fchlte sich als einsamer, aber auch als tapferer Mann.<br \/>\nSein zweiter gro\u00dfer Gedanke fiel ihm vom Mond, (der ihn anstarrte und er ihn), direkt in den Kopf: Franz Krause w\u00fcnschte sich, ohne Rake\u00adtengedr\u00f6hns und Raumanzug unverz\u00fcglich nach dort oben bef\u00f6rdert zu werden. Er war gebildet genug, zu wissen, auch auf dem Mond w\u00fcrde er sei\u00adnen allergr\u00f6\u00dften Wunsch nicht er\u00adf\u00fcllt be\u00adkommen, seinen Wunsch, der da hie\u00df: schwerelos sein. Schwerelos schwe\u00adben, k\u00f6rperlich, geistig. Und seelisch! Aber nicht einmal das. Nicht einmal seine Seele w\u00fcrde dort schwe\u00adre\u00adlos sein, sogar das bef\u00fcrchtete er. Der Mond besitzt eine Anzie\u00adhungs\u00adkraft, eine geringere als die Erde, viel geringer \u2013 aber Franz Krause war der \u00dcberzeugung, diese geringe Anziehungskraft des Mondes bis in sein Inner\u00adstes zu sp\u00fcren. Das begann schon mit den Augen. Wurde nicht sein Blick vom Mond wie magisch eingefangen? Und festgehalten! Nicht nur se\u00adkunden-, nein, minutenlang! Sogar dieses Zeitma\u00df schien Franz Krause viel zu ge\u00adring. Das mu\u00df etwas mit der An\u00adziehungskraft des Mon\u00addes zu tun haben \u2013 so gr\u00fcbelte Franz Krause.<br \/>\nENDE DER LESEPROBE<\/div>\n\t\t\t<\/div><br \/>\n<strong>Roman2003 Mauer-Verlag<br \/>\nISBN 3-937008-51-9<\/strong><br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">Vergriffen<\/span>, \u00fcber Autor portofrei erh\u00e4ltlich: <a href=\"mailto:hm.milde@hamami.de\">hm.milde@hamami.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Krause, pensionierter Finanzbeamter, hat einen Roman geschrieben und sucht einen Verleger. Weil ihm normale Zusendungen keinen Erfolg bringen, versucht er es in seiner Verzweiflung auf unnormalen Wegen, doch erst die unfreiwillige Bekanntschaft mit einer Verlagssekret\u00e4rin er\u00f6ffnet ihm neue Wege. 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