{"id":34,"date":"2014-08-23T14:17:46","date_gmt":"2014-08-23T12:17:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hans.hamami.de\/?page_id=34"},"modified":"2016-07-21T17:23:59","modified_gmt":"2016-07-21T15:23:59","slug":"34-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.hamami.de\/?page_id=34","title":{"rendered":"Brennender Himmel"},"content":{"rendered":"<p class=\"zentriert\"><a href=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Brennender-Himmel-Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-35\" src=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Brennender-Himmel-Cover.jpg\" alt=\"Brennender Himmel Cover\" width=\"212\" height=\"301\" srcset=\"http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Brennender-Himmel-Cover.jpg 212w, http:\/\/www.hamami.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Brennender-Himmel-Cover-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>1. Teil der Trilogie<br \/>\n<strong>\u201eDer Lockruf des Kumm ocke\u201d<\/strong><\/p>\n<p class=\"anfang\">Wilhelm Menzel, der mit seiner Frau Henriette eine kleine G\u00e4rtnerei in der N\u00e4he des Zobten in Niederschlesien betreibt, sieht im Jahr 1938 ein gewaltiges Nordlicht und f\u00fcrchtet, es k\u00f6nne ein b\u00f6ses Omen sein.<\/p>\n<p class=\"anfang\">Seine einzige Tochter Maria tr\u00e4umt den kindlichen Traum, einmal werde zu ihr ein Prinz aus einem fremden Land kommen und sie auf sein Schloss f\u00fchren. Marias Traum wird sich erf\u00fcllen \u2013 wenn auch ganz anders, als von ihr ertr\u00e4umt.<\/p>\n<p class=\"anfang\">Die schlesischen Worte \u201eKumm ocke\u201d bedeuten so viel wie: \u201eKomm doch!\u201d \u2013 \u201eMach&#8216; doch mit!\u201d<\/p>\n<p class=\"anfang\">Wie Meilensteine s\u00e4umen diese Worte den Lebensweg der kleinen Maria, denn bald bricht der Krieg aus und Wilhelm muss zu den Soldaten. Sein Leben, und das seiner Familie, verwirbelt.<\/p>\n<p><div class=\"spoiler-wrap\">\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-head folded\">Spoiler<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"spoiler-body\"><br \/>\nDer brennende Himmel<\/p>\n<p>1. Teil der Trilogie<br \/>\n\u201eDer Lockruf des Kumm ocke\u201d<\/p>\n<p>Roman<\/p>\n<p>Beide Beine auf der Erde lang ausgestreckt, die Knie ein wenig, die Fersen weit auseinander, seine Beine ein langer spitzer Winkel, wegstrebend von dem, was er sein ICH nannte; die F\u00fc\u00dfe, ganz weit weg, zur Seite gekippt, es sah aus, als wolle er nichts mehr mit ihnen zu tun haben, bed\u00fcrfe ihrer nicht, wolle nicht, dass sie ihn von hier wegtragen. So sa\u00df Wilhelm Menzel, den R\u00fccken an einen dicken Stamm eines Kastanienbaums gelehnt, \u00fcber ihm ein gewaltiges, schattenspendendes Bl\u00e4tterdach. Seine Schuhe lagen verstreut, weggeschleudert wie nutzlose Gesellen. Die kr\u00e4ftigen Arme stemmten rechts und links auf dem Boden, die gespreizten Finger wie F\u00fchler im k\u00fchlfeuchten Erdreich. Wilhelms Hinterkopf ber\u00fchrte den Stamm mit der Stelle, an der der Wirbel die kr\u00e4ftigen dunkelbraunen Haare im Kreis wachsen lie\u00df. Das Gesicht verloren in weiter Ferne.<\/p>\n<p>Es war Sonntag. Ein strahlender Sonnentag. Im Sommer.<\/p>\n<p>Am Vormittag hatte Wilhelm mit Frau und Kind den Gottesdienst besucht, der Predigt gelauscht, die er manchmal recht erbauend fand, (aber nur manchmal), war anschlie\u00dfend, allein, f\u00fcr eine halbe Stunde in den Kretscham gegangen, hatte ein Bier getrunken, ein Kleines, ein D\u00fcnnbier, ein paar lockere Worte mit den Nachbarn getauscht, wie man Kleingeld wechselt. Profanes. Bedeutungsloses. Er hielt es f\u00fcr eine Pflichterf\u00fcllung. Seine Nachbarn waren schlie\u00dflich seine Kunden. W\u00e4hrend des ganzen Gelabers, das ihn kaum interessierte, lie\u00df er seine Gedanken schon um den Nachmittag kreisen. Sonntagnachmittag. Er w\u00fcrde, allein, irgendwo sitzen, die Natur betrachten, die Gedanken kreisen lassen, seinen Gottesdienst feiern.<\/p>\n<p>Wilhelm Menzel liebte es allein zu sein. Allein mit seinen Gedanken. Allein mit der Natur. Den V\u00f6geln in den \u00e4sten. Den Ameisen auf der Erde. Den wei\u00dfen Wolken am Himmel. Auf dem kleinen H\u00fcgel, den die Wurzeln des Baumes nur m\u00fchsam aus dem flachliegenden Land heraushoben, wusste er sich mitten zwischen den Zinnen seiner Festung. Das Wort Festung hatte ihm gefallen, als er einmal tief und fest, so f\u00fchlte er es jedenfalls, \u00fcber den Begriff Heimat nachgedacht hatte. Seine Festung, (er war stolz auf das sinnige Wort), wurde bewacht von drei Bergen, die er die Zinnen seiner Festung nannte. Rechts zur Seite, zum Gebirge hin, sah er den Hochwald, eine runde bewaldete Kuppel, unter der die Bergleute nach Steinkohle gruben. Links die drei Striegauer Berge, (ne Striezel und zwee Qu\u00e4rge, doas sein die Striegauer Berge; so reimten die Leute), voller Basaltbr\u00fcche mit harter Arbeit. Und vor ihm, seine Augen konnten sich nicht satt sehen, ragte der gewaltige Kegel des Zobten, der sein Kleid wandeln konnte: das graue trug er bei sch\u00f6nem, ein blaues bei schlechtem Wetter. Der Name Siling, den ein vandalischer Germanenstamm dem Berg etwa f\u00fcnfhundert Jahre nach Christi Geburt gegeben hatte, wurde jetzt wieder modern. Wilhelm gefiel er nicht. Heiliger Berg hatten ihn die Vorfahren genant, weil er viele Geheimnisse trug. Auch ihm, dem Menzel-G\u00e4rtner, war er heilig, in seinem Sinne. Er sagte, wenn er zu ihm hin\u00fcber sah, wenn er mit ihm Zwiegespr\u00e4ch f\u00fchrte, (Wilhelm Menzel sa\u00df immer so, dass der Berg genau zwischen seinen gespreizten F\u00fc\u00dfen, genau in der Mitte der \u00f6ffnung des von ihm wegstrebenden spitzen Winkels lag): He, Zutaberg!, sagte er; selten nur: He, Zobten.<\/p>\n<p>Keinem, so glaubte Wilhelm Menzel, flie\u00dfe das Blut so schwer durch die Adern, wie einem Schlesier. Keinem anderen seien die Lebenswurzeln so tief in die Erde eingedrungen. Er kannte keinen Traum von fernen L\u00e4ndern, kannte keine Sehnsucht dorthin. Manchmal geriet er in stillen Zorn, wenn seine Frau von Italien oder Griechenland schw\u00e4rmte. Wunderbare L\u00e4nder, sagte sie, ohne sie gesehen zu haben. Sie idealisierte alles Fremde. Alles Ferne. Warum nur?<\/p>\n<p>Wenn er tr\u00e4umte, liefen seine Gedanken keine Gefahr, sich in weiter Ferne zu verlieren. Selbst im Traum sah er das Land, das vor ihm lag. Sein Traumgesicht zeigte ihm, wie es ausgesehen haben mochte, damals, als die ersten Siedler kamen, das Land urbar machten. In seinem Kopf tanzten die Bilder, wie sie den Kampf gegen den Wald aufnahmen. Lichtungen um Lichtungen frei schlugen. Er h\u00f6rte ihre Stimmen. H\u00f6rte das Hohaho!, wenn der Baum fiel. H\u00f6rte ihre Bravorufe, wenn ein neues Haus seinen Giebel in die L\u00fcfte streckte. Lauschte ihrem Lobgesang, mit dem sie, dessen war er sich sicher, auch damals schon Gott lobten und dankten.<\/p>\n<p>Was wusste er schon?<\/p>\n<p>Vor siebenhundert Jahren waren die ersten Siedler hierher gekommen, so hatte er es in der Schule gelernt. Franken, Th\u00fcringer, Hessen, Braunschweigsche kamen, brachen die W\u00e4lder, verschmolzen unter dem Zobten zu Schlesiern. Sie lebten nach Magdeburgschem Recht, bauten ihre St\u00e4dte nach schlesischer Sitte mit einem rechteckigen Ring, in der Mitte das Rathaus. Die Heilige Hedwig, vom bairischen Andechs nach Schlesien gekommen, sch\u00fctzte das reiche Land. Aber gerade weil es so reich war, begehrten es viele. Zuerst kamen die Mongolen, sp\u00e4ter die Habsburger, die B\u00f6hmen, die Preu\u00dfen. Dem kleinen Mann blieb alles gleich. Arbeit und Not hie\u00dfen seine Gesellen, der Reichtum schm\u00fcckte die Schl\u00f6sser.<\/p>\n<p>Wilhelms Gedanken kreisten ringsum.<\/p>\n<p>Er sah \u00fcber die roten D\u00e4cher seines Dorfes die Schatten schnellziehender Wolken huschen. Das eine Dach lie\u00dfen sie im Sonnenschein leuchten, das andere f\u00e4rbten sie dunkel. Wilhelm Menzel sah darin ein Sinnbild des Wechsels von Gl\u00fcck und Leid.<\/p>\n<p>\u201eEenmoal der, een andermol der! Asu ies doas Laaba.\u201d<\/p>\n<p>Wie aufgereiht lagen die H\u00f6fe, die Dorfstra\u00dfe als lange Schnur. Kaum mehr als hundert Seelen lebten im Dorf, aber es zog sich weit hin. Die einen H\u00f6fe rechts der Dorfstra\u00dfe, die anderen links. Hinter jedem Hof langhingestreckt die weiten Felder. F\u00fcr Wilhelm Menzel w\u00e4re es ein leichtes gewesen, Familiengeschichten zu erz\u00e4hlen. Er kannte sie alle, die Wiesner und Puffe, die Pluntke, Pielok, Reichert, Hilse, Heidrich und wie sie alle hie\u00dfen. Wilhelm Menzel kannte ihre Freuden und ihr Leid. Eines blieb allen gleich. Sie arbeiten von fr\u00fch bis sp\u00e4t, feiern ihre kleinen und manchmal auch gr\u00f6\u00dferen Feste, sie geb\u00e4ren und begraben. So war es, und so blieb es bis heute.<\/p>\n<p>Nur wenn Krieg \u00fcber das Land gezogen war, quollen die \u00e4ngste. Die M\u00e4nner diskutierten im Kretscham, die Weiber laberten in den K\u00fcchen.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, als noch die Werber \u00fcber die D\u00f6rfer zogen, um Soldaten f\u00fcr den Soldatenk\u00f6nig (sp\u00e4ter f\u00fcr seinen Sohn, den Alten Fritz) zu rekrutieren, versteckten sich die jungen M\u00e4nner zuerst in den Scheunen; aber bald kannten die Werber diese Tricks und steckten manche Scheune in Brand. Deshalb liefen die jungen Burschen, h\u00f6rten sie die Trommeln der Werber, bis hinauf ins Riesengebirge, stiegen sogar \u00fcber den Kamm, hin\u00fcber ins B\u00f6hmische. Versteckten sich dort, bis einer kam, zu sagen: Kumm ocke heem! Die Luft ist rein. Nach manch einem, der widerwillig seinen Ranzen schn\u00fcrte, soll oft nach Monaten eine B\u00f6hmische gesucht haben, die ein dickes B\u00fcndel in den Armen trug, welches sie dem Deserteur als Mitgift pr\u00e4sentierte. Dann hie\u00df es im Dorf: Nu ja, ies kummt haalt, wie&#8217;s kummt. Oaber lieber eene B\u00f6hmische am Hoalse, als den Preu\u00dfenk\u00f6nig eim Genicke!<br \/>\nWilhelm schmunzelte vor sich hin. So waren sie halt, die Schlesier. Sie verstanden es, Werden und Vergehen im Gleichma\u00df zu halten, Wandel und Stetigkeit auszutarieren. Frisches Blutt, tutt uns gutt!, war so eine Weisheit, wenn Ausreden als solche bezeichnet werden d\u00fcrfen. Sie taten es. Aus der Not eine Tugend machen, nannten sie es, oder im fr\u00f6mmlichen Kreis: Was Gott tut, das ist wohlgetan. Sprichw\u00f6rter l\u00f6ffelten sie wie ihre t\u00e4gliche Suppe und lebten ihr belangloses Leben.<br \/>\nUnruhe brachten immer nur Soldaten ins Dorf, die sich einquartierten und alles taten, was ihnen Spa\u00df machte. Seit der Zeit, in der Napoleon mit seinen Soldaten durchs Dorf gezogen sein soll, t\u00fcrmt sich ein als Franzosengrab bezeichneter H\u00fcgel hinter dem Friedhof, von dem sich die M\u00e4dchen tugendhaft fernhalten. In den langen Wintern\u00e4chten, wenn die Frauen beim Spinnen oder beim Federnschlei\u00dfen sitzen, erz\u00e4hlen sie heute noch von Weibern, die es eim Durfe gegeben haben soll, die, weil keiner der jungen M\u00e4nner um ihre Hand anhielt, nachts heimlich auf den Franzosenh\u00fcgel geschlichen seien, sich dort, (manche nackt!), herumgew\u00e4lzt h\u00e4tten. Wenn eine dann pl\u00f6tzlich gesegneten Leibes war und keiner wusste, wer f\u00fcr die Vaterschaft geradezustehen habe, kroch das Gesp\u00f6tt wie eine Schlange von Haus zu Haus: Ja, ja, die Franzusen, &#8211; die verstieh&#8217;n ihr Gesch\u00e4ft ooch noch noach ihrem Tude*!<br \/>\nWilhelm Menzel erhob sich, dehnte und streckte zuerst seine Arme, dann die Beine, wandte sich dem Baumstamm zu, bohrte seine nackten F\u00fc\u00dfe in die Erde, dr\u00fcckte seine H\u00e4nde gegen die Rinde, als wolle er den Baum umwerfen. Immer, wenn er f\u00fcrchtete, seine Gedanken tr\u00fcgen ihn zu weit weg, holte er sich mit dieser Kraftanstrengung in die Gegenwart zur\u00fcck. Aber es dauerte nie lange, dann lag er wieder auf dem Boden, die Beine weit gespreizt, den Kopf an den Baum gelehnt, den Zobten zwischen den gro\u00dfen Zehen im Visier. Sein Sonntagsleben lief innen, nicht au\u00dfen ab.<br \/>\nManchmal gelang es seinen Gedankentr\u00e4umen sogar tief in die Erde einzudringen. Dort tanzten Gnome und Zwerge f\u00fcr ihn. Wilhelm h\u00f6rte Melodien, die wie eine Quelle aus dem Inneren der Erde drangen, weiterliefen im Gesang des Windes, um \u00fcbernommen zu werden vom Jubilieren der V\u00f6gel. Wenn die Sommererde durstig war, lauschte er dem Rauschen des Regens, den Trommeln des n\u00e4chtlichen Donners. Alles kannte er. Nur das unendliche Rauschen eines unendlichen Meeres hatte Wilhelm Menzel noch nie geh\u00f6rt. Das unaufh\u00f6rliche Schlagen der Wellen an den Strand, das Kommen und Gehen, wieder und immerwieder. Jahrmillionen. Das allein war es, was ihm in seinem Gedankentraumorchester noch fehlte.<br \/>\nEinmal hatte er geglaubt, nachts das Singen der Sterne zu h\u00f6ren. Drei sternklare N\u00e4chte hatte er gelauscht, Stunde um Stunde, sich dann aber selbst gescholten, weil er f\u00fcrchtete, sich zu verlieren. Das einzig Wahre, versuchte er sich einzureden, ist unsere nackte Existenz. Obwohl er fest daran glaubte, fand er sich immer wieder dabei, dem Au\u00dfergew\u00f6hnlichen zu lauschen. Leben? Was ist das schon? Eigentlich hatte er immer Gl\u00fcck gehabt, das Gl\u00fcck der kleinen Leute. Kaum hatte man ihm, siebzehnj\u00e4hrig, den Treueid f\u00fcr den Kaiser abgenommen, desertierte der Kaiser nach Holland. Der Krieg war zu Ende. Trotzdem zu sp\u00e4t. Seinen Bruder Martin hatten die Granaten zerrissen. Verdun! Vater kehrte verwundet aus Frankreich zur\u00fcck, krankte mehrere Jahre und verstarb. Mutter folgte ihm noch im gleichen Jahr, als wolle sie auch im Tod nicht von ihm lassen.<br \/>\nVon da an war Wilhelm der Menzel-G\u00e4rtner. Wilhelm igelte sich in seiner G\u00e4rtnerei ein. Alle Turbulenzen, die bis in das kleine Dorf vordrangen, lie\u00df er am Gartenzaun abprallen. Das wertlose Geld, das Zahlen trug, die er in der Schule nie geh\u00f6rt hatte, Millionen, Billionen, lag kaum in seiner Kasse. Mohrr\u00fcben oder ein frisch geschlachtetes Kaninchen lagen h\u00f6her im Kurs als Teppiche oder goldgerandete Kaffeetassen aus Altwasser.<br \/>\nDas alles war noch keine zwanzig Jahre her. Jede Not, so hie\u00df es, geb\u00e4re ihren Retter selbst. Was Wilhelm in der Zeitung las, im Radio h\u00f6rte, n\u00e4hrte in ihm die Bef\u00fcrchtung, es werde noch schlimmer kommen. &#8218;Du bist oaber een schlechter Prophet, Wilhelm!&#8216; Die Nachbarn lachten ihn aus. &#8218;Du wirscht dich schun noch wundern! Der Hitler, der ies unser Retter aus der verfluchten Not!&#8216; F\u00fcr Wilhelm Menzel gab es keine neue Sonne, die aufs Land schien; er sah einen braunen Schatten. Nein. \u00fcber Politik wollte er nicht reden. Jedermann sei untertan der Obrigkeit. So steht es in der Bibel. Im R\u00f6merbrief. Das wusste er. Wie oft die Braunberockten ihn mit schillernden Versprechungen auch lockten, Wilhelm Menzel widerstand. Manchmal, wenn die Zungen schon lockerer wurden, nach dem dritten Glas Bier im Kretscham, h\u00f6rte Wilhelm mitunter auch versteckte Drohungen:<br \/>\n&#8218;Wart&#8216; ocke! Dich kriegen mir ooch noch, asu oder asu!&#8216; Wilhelm Menzel hatte sich vorgenommen, sich selber treu zu bleiben. Zumindest so lange, wie das Gesch\u00e4ft nicht darunter leiden musste.<br \/>\nWar nicht der preu\u00dfische Kaiser weggelaufen? Warum sollte dann nicht auch der neue, der braune Kaiser weglaufen? Vielleicht gilt es nur abzuwarten. Abwarten. Geduldigsein. B\u00e4ume wachsen nicht in den Himmel &#8211; keiner w\u00fcsste das besser, als er, der G\u00e4rtner.<br \/>\n\u201eLass die Welt drau\u00dfen, Wilhelm!\u201d, sagte er zu sich selbst. \u201eLass dich nicht verr\u00fcckt machen, Wilhelm!\u201d<br \/>\nENDE DER LESEPROBE<br \/>\n<\/div>\n\t\t\t<\/div><br \/>\n<strong>Roman<br \/>\nBoD 2008<br \/>\nISBN\u00a0 978-3-8370-2539-2<<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Teil der Trilogie \u201eDer Lockruf des Kumm ocke\u201d Wilhelm Menzel, der mit seiner Frau Henriette eine kleine G\u00e4rtnerei in der N\u00e4he des Zobten in Niederschlesien betreibt, sieht im Jahr 1938 ein gewaltiges Nordlicht und f\u00fcrchtet, es k\u00f6nne ein b\u00f6ses Omen sein. 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